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Arten- und Biotopschutz

bekassine© Rosel Eckstein_pixelio.de

Artenschutz - Zu viel Aufwand für zu wenig Erfolg?

Ein fachlicher Standpunkt zum Artenschutz, welcher nicht unbedingt mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen muss. Die folgenden Darlegungen des Verfassers regen jedoch zur Diskussion und zum Vergleich der Situation in Thüringen an.

Je mehr Arten „unter Schutz“ gestellt wurden, desto länger wurden auch die „Roten Listen“. Verwundert reiben wir uns die Augen: Das kann doch nicht wahr sein! Das darf nicht sein! Wozu nahmen wir die umfangreichen Einschränkungen, die uns der Artenschutz aufgezwungen hat, all die Jahre hin, wenn sie doch nahezu nichts genutzt haben?


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Warum wurden große Naturschutzverwaltungen aufgebaut, mit qualifizierten Fachkräften besetzt und mit der Verfügung über millionenschwere Artenhilfsprogramme und zahlreiche andere Schutzmaßnahmen ausgestattet, wenn ihr Einsatz keine nachhaltige Verbesserung gebracht hat? Was lief, was läuft da falsch im deutschen Artenschutz? Mir drängte sich bei der genaueren Betrachtung der letzten „Roten Listen“ der gefährdeten Tiere und Pflanzen in Bayern gar die ketzerische Frage auf: Wie würde unsere Natur ohne die Artenschutzgesetze und -verordnungen, die seit der großen Wende im Naturschutz, dem ‚Europäischen Naturschutzjahr’ von 1970, über uns gekommen sind, heute aussehen? Hätten die alten, die einfachen und nachvollziehbaren Bestimmungen ausgereicht? In welchem Verhältnis stehen Aufwand und Ergebnis wirklich zueinander?

Mit diesen Gedanken im Kopf, vertiefte ich mich vor über einem Jahrzehnt in die „Roten Listen“ für Bayern. Sie beeindrucken mit rund 16.000 „erfasster Tierarten“ und 1,3 Millionen Nachweisen von 163.000 Fundorten. Das ist eine ganze Menge, denkt man sogleich. Doch ein genauerer Blick ernüchtert. Der Durchschnitt ergibt äußerst magere 80 Einzelnachweise pro Tierart für das über 70.000 Quadratkilometer große Land oder nur noch gut einen Nachweis auf 1.000 Quadratkilometer. Ist also das Ergebnis, dass rund die Hälfte, 51 Prozent, aller in Bayern vorkommenden Tierarten in einer der Gefährdungskategorien zu finden ist, einfach den viel zu kleinen Stichproben und der weitaus zu lückenhaften Untersuchung zuzuschreiben? Ich meine nicht und schließe mich den sehr vorsichtigen Schlussfolgerungen der Bearbeiter und ihren Vergleichen mit den früheren „Roten Listen“ an. Der hohe Grad der Gefährdung ist gegeben. Er liegt sogar aller Wahrscheinlichkeit noch beträchtlich höher, weil für viele der als (noch) häufig (genug) eingestuften Arten tatsächlich sehr starke Rückgänge seit den letzten Erhebungen zu den „Roten Listen“ Anfang der 1990er Jahre zu verzeichnen waren.

Die Stärke der Abnahmen beunruhigt dabei viel mehr als der gegenwärtig erreichte Gefährdungsgrad. Feldlerchen sind in Bayern so selten geworden, dass man sie am besten am Münchner Großflughafen sucht! Rebhuhn und Kiebitz verabschieden sich; der Wiedehopf ist so gut wie verschwunden. Der als ausgesprochen robust erachtete und nicht unter den gefährdeten Arten eingestufte, sondern lediglich in der‚ Vorwarnliste’ geführte Braune Bär (Arctia caja), ein Nachtfalter aus der Familie der Bärenspinner, nahm seit den 1970er Jahren nach Ergebnissen von Lichtfallenuntersuchungen auf weniger als ein Zehntel der früheren Häufigkeit ab.

Für die Erhaltung der Ackerwildkräuter, also den einst so verhassten Unkräutern, erhält die Landwirtschaft seit Jahren Millionen Euros Ausgleichszahlungen. Dennoch überleben diese Pflanzen am ehesten noch innerhalb der Orte, zumal in den Städten.

Über Rückgänge und Artenverluste wird landauf landab geklagt – kaum jedoch in den Städten. In diesen nahm die Vielfalt zu; je größer die Stadt, umso artenreicher ist sie geworden! In Berlin kommen Angehörige von rund zwei Drittel aller in ganz Deutschland regelmäßig brütenden Vogelarten vor. Um 15 bis 30 Prozent liegt der Artenreichtum der Städte über dem Landesdurchschnitt, der ihrer Flächengröße entsprechen würde.

Inseln der Artenvielfalt haben sich also ausgerechnet dort entwickelt, wo dies der Artenschutz am wenigsten erwartet hatte. Die „Unwirtlichkeit der Städte“ mochte früher aus soziologischer Sicht eine passende Charakterisierung gewesen sein. Heute ist die „Unwirtlichkeit des Landes“ die treffende Kurzbezeichnung für den Schwund der Artenvielfalt. Die Schutzmaßnahmen sollten aber gerade auf dem Land, ‚draußen in der Natur’ greifen. In den Städten beschränkte sich der Schutz weitgehend auf die Erhaltung alter Bäume („Achtung: Fledermausbaum“) und das Aufhängen von Nistkästen („Singvogelschutz“). Dennoch finden sich manch rare Arte kaum weniger selten in den Städten als in Naturschutzgebieten. In der Stadt werden sie eher zum großen Hemmnis für Bauund Siedlungstätigkeit. Mit dem Vorkommen von „Rote Liste Arten“ werden Veränderungen blockiert oder unmöglich gemacht, was dem Naturschutz nicht gerade Freunde bringt. Der Artenschutz ist hier zu einem Behinderungs- und Verhinderungsinstrument umfunktioniert worden!

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Besonders stark behindert werden Lehre und Natur-Forschung, weil die Schutzbestimmungen die Nutzung von Arten für den für Schul- und Hochschulunterricht in der Praxis fast unmöglich machen. Längst wäre ein Konrad Lorenz nicht mehr möglich, weil der Artenschutz das Interesse an der Tierhaltung bei den Jugendlichen im Keim erstickt. Nestjunge Dohlen dürfen, wie viele der Tiere, deren Verhalten der junge Lorenz beobachtete, nicht mehr privat aufgezogen werden. Sogar das Mitverfolgen der Entwicklung von Frosch- oder Molchlaich über die fischartigen Kaulquappen zu den fertigen Landtieren oder die Umwandlung der Raupen des Tagpfauenauges zu Puppe und Schmetterling - mit dem Wunder des Schlüpfens aus der Puppenhülle - fallen unter das Artenschutztabu. Die genauere Beschäftigung mit der Natur bedarf der Ausnahmegenehmigung! An das früher übliche und für viele Biologen, die sich dann auch mit der Natur beschäftigten und nicht nur im Labor wesenlose Erbsubstanz aus irgendwelchen Proben analysieren, in ihrer Kindheit und Jugend prägende Sammeln von Käfern, Schmetterlingen oder anderen Insekten ist gar nicht mehr zu denken.

Die zum Sammeln (vom Staat) bestimmten Forschungsmuseen tun sich ungleich leichter, irgendwo in fernen, „unterentwickelten“ Ländern zu forschen als die Sammlungen als Dokumentation für Entwicklungen und Veränderungen im eigenen Land weiter zu führen. Von den 1,3 Millionen „Daten“ der bayerischen „Roten Listen“ gibt es kaum irgendwelche Belege in staatlichen Sammlungen. Die Angaben sind damit nicht nachprüfbar. Kurz und schlecht: Der Artenschutz kam zur größten, aber gänzlich unpassenden Wirkung in Bereichen, die mit dem Schutz der Arten direkt gar nichts zu tun haben. Indirekt entzieht er sich selbst die Basis, weil er das Interesse an Tieren und Pflanzen zu sehr beschränkt.

Unwirksam blieb der Schutz jedoch dort, wo er eigentlich gewirkt haben sollte, nämlich draußen auf dem freien Land, in Feld und Flur, Wald und Wasser. Dort haben die Nutzer das Sagen und der Schutz hat keine Chance. Die direkten und die indirekten Auswirkungen der Landwirtschaft verursachten etwa 70 bis 80 Prozent der Rückgänge bei Tieren und Pflanzen. Weitere 15 bis 20 Prozent stellen sich bei genauerer Betrachtung als Folgen von Maßnahmen des Umwelt- und Naturschutzes heraus. Eine solche Erkenntnis aus den „Roten Listen“ ziehen zu müssen, fiel mir als überzeugter Naturschützer zugegebenermaßen sehr schwer, auch wenn ich seit zwei Jahrzehnten immer wieder auf genau diese Folgen aufmerksam zu machen versuchte. Denn viele Maßnahmen, die vom Naturschutz in den 1960er und 1970er Jahren gefordert oder massiv unterstützt worden sind, erweisen sich für die Artenvielfalt unseres Landes abträglich.

Die vielen kleinen „Eingriffe“ in die Natur, das wissen wir längst, sind keine „Störungen“, sondern unverzichtbare Bestandteile der Dynamik, die früher Land und Wasser so vielfältig gemacht hatten. Die Überdüngung der Fluren ist der Hauptfeind der pflanzlichen Artenvielfalt, der einseitige Entzug organischer Stoffe im Zusammenhang mit der „Verbesserung“ der Wasserqualität die Ursache für den Rückgang vieler Tierarten in den Gewässern. Ausgehungert werden die Fließgewässer, denen die Auen als die natürlichen Lieferanten von organischen Stoffen zugunsten der nicht benötigten landwirtschaftlichen Produktion weggenommen worden sind.

Rekultivierung, Begrünung, Bepflanzung offener Stellen und weitestgehendes Verbot von Abgrabungen außerhalb der Großabbaugebiete fügen weitere Artenverluste hinzu - wie auch die angestrebten Änderungen in der Waldbewirtschaftung und in beängstigendem Maße der Anbau von Pflanzen zur Biospritgewinnung. Der Gründe für das Versagen der Artenschutzbestimmungen gibt es viele - die naturverbundene Bevölkerung gehört jedoch nicht zu den Verursachern. Sie aber trifft der Artenschutz. Ihr erschwert oder entzieht er den Zugang zur lebendigen Natur. Die Erfolge, die wirklichen Erfolge des Artenschutzes, die gab es bei jenen Arten, die früher stark verfolgt wurden. Wanderfalke und Seeadler, Uhu und Enzian sind die Erfolgsträger. Von Anfang an hatten sie das werden sollen.

Die Urväter des Artenschutzes lagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts richtig; die Enkel mit den „verbesserten Bestimmungen“ ziemlich sicher nicht! Der heutige Artenschutz bedarf dringendst einer umfangreichen Entrümpelung. Im Interesse der zu schützenden Arten! Wahrscheinlich wäre es tatsächlich besser um den Artenschutz bestellt, wäre er auf die Kernarten beschränkt geblieben. Der Naturschutz sollte die Mittel und das Personal, das ihm - privat und staatlich - zur Verfügung steht, in den Flächenschutz und seine Entwicklung draußen stecken. Dorthin also, wo es sich lohnt für den Artenschutz und auch für die naturverbundene Bevölkerung.

Kurz vorgestellt: Der Zoologe und Ökologe Prof. Dr. Josef H. Reichholf lehrte 30 Jahre lang „Naturschutz“ an der Technischen Universität München und war Leiter der Abteilung Wirbeltiere an der Zoologischen Staatssammlung München. Dieser Artikel war bereits in der Zeitschrift Natur+Kosmos veröffentlicht worden. Die hier gedruckte Fassung enthält aktualisierende Änderungen.

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Die Bekassine (Gallinago gallinago) – Vogel des Jahres 2013

Seit mehr als 40 Jahren sind die Bestände der einheimischen Wiesenbrüter unter den Vögeln auffallend zurückgegangen. Leider beginnen die Arbeiten zur Nutzung der Wiesen bei gleichzeitigem Einsatz „schwerer Technik“ zu früh, was zu erheblichen Verlusten bei Gelegen und Jungvögel führt. Viele Wiesenbrüter leiden zudem unter der Intensivierung der Grünlandnutzung, so auch die Bekassine.

Sie ist deutschland- und thüringenweit unmittelbar vom Aussterben bedroht (Kat. 1 der Roten Liste). In Thüringen nutzt der Vogel oft Verlandungszonen der Gewässer oder staunasse Gebirgswiesen zum Brutgeschäft. Im Tiefland reichen dazu oftmals kleine Naßstellen oder das Umfeld von Tümpeln aus. Auch im Süden des Stadtgebietes von Erfurt brüten Bekassinen, allerdings nur gelegentlich und insbesondere nach einem regenreichen Frühjahr.


Im März, wenn die letzten Schneeflecken auf den Feldern verschwinden, sind viele Wiesenbrüter als Zugvögel auf dem Heimzug. Sie nutzen jetzt die eisfreien und weichen Gewässerränder, Nasswiesen oder die Ufer der quelligen Gräben, wo das erste Grün sprießt. Vor allem sumpfige Areale, Röhrichte mit vorgelagerten Schlammflächen und Nischen mit Grasund Seggenbüscheln werden auf dem Zug von den Bekassinen als Nahrungshabitat angenommen. Sie benötigen weichen Untergrund, damit sie Würmer, Schnecken und Insekten mit dem empfindlichen, langen Schnabel ertasten können. Stundenlang suchen sie die Flächen ab, um durch die Nahrung Energiereserven für den Weiterflug zu bilden. Zeitweise ruhend mit eingezogenem Hals und gesenktem Schnabel stehen sie im Schutz der Vegetation. Mit etwas Glück kann man auch die noch seltenere Doppelschnepfe (Gallinago media) beobachten. Sie ist ganz ähnlich gefärbt, nur aus der Nähe beim Abflug oder der Landung ist eine Unterscheidung möglich. Die Doppelschnepfe bevorzugt auf dem Zug eher trockenere Flächen.

Die heimlich lebende Bekassine kann man nur schwer aus der Nähe beobachten. Beim Auffliegen verrät sie der typische, aufsteigende Zickzackflug - meistens verbunden mit Lautäußerungen als heisere, rätschende Rufe. Durch das Fernglas sieht man zudem, dass der Schnabel im Flug abwärts gerichtet ist. Der braune Rücken sowie die Flügel haben 2 - 4 kräftige gelbe Streifen. Die waagerechten Kopfstreifen weisen ebenfalls eine gelbe Färbung auf, was gut auf der Abbildung zu sehen ist (Das Präparat fertigte M. Fischer vom Naturkundemuseum Erfurt). Die gleichfalls braunen Schwanzfedern zeigen zum Ende hin eine rotbraune Färbung. Bekassinen sind mit etwa 27 cm Körperlänge etwas größer als unsere Amseln (Turdus merula). Zur Balzzeit kann man eigenartige Töne vernehmen: Es klingt wie das Meckern einer Ziege. Die abgespreizten Schwanzfedern erzeugen durch die Schwingungen im Sturzflug dieses Geräusch, was der Vogelart im Volksmund den Namen »Himmelsziege« einbrachte. Am Boden hört man „ticke-ticke“ Rufe. Den Vögeln dient dies der Markierung ihres Reviers.

In Mitteleuropa findet man die Gelege ab der zweiten Aprilhälfte, aber auch noch im Mai oder Juni. Auf feuchten Böden in einer flachen Mulde liegen auf trockenen Halmen meistens 4 Eier. Sie haben auf olivfarbigem Grund grau- oder dunkelbraune Flecken, die Eier glänzen zudem. Der Nistplatz ist durch überhängende Gras- oder Seggenhalme gut geschützt und getarnt.

Nach einer Brutdauer von 19 - 21 Tagen schlüpfen die „nestflüchtenden“ Jungen. Der Name rührt vom Verhalten, da diese bereits nach wenigen Stunden das Nest verlassen. Die braunweiße Fleckung der Dunen stellt eine perfekte Tarnung vor Feinden dar.

Der Gesamtbestand dieses Schnepfenvogels beläuft sich in Thüringen auf 80 - 100 Brutpaare nach Erfassungen des Vereins Thüringer Ornithologen. Demnach hat sich das Brutvorkommen seit 1986 halbiert.

Im Herbst ziehen die Thüringer Bekassinen nach West- oder Südeuropa, von wo sie auch Afrika erreichen. In milderen Wintern versuchen manche gar, bei uns zu überwintern.

Ohne vertragliche Vereinbarungen zwischen Landwirtschaft und Naturschutz haben es alle unsere Wiesenbrüter-Vögel schwer. Die Lebensansprüche dieser Tiere sind bei der Bewirtschaftung zu beachten. Nur durch eine extensivere Nutzung zumindest von Teilflächen kann sich eine vielfältige Flora und Fauna entwickeln, besonders sensibel ist der Zeitraum zwischen dem 20. März und dem 20. Juni. Der Lebensraum der Wiesenbrüter wird auch durch Absenkung des Grundwasserspiegels und Entwässerung beeinträchtigt. Die verstärkten Meliorationsmaßnahmen in den 1960er Jahren trugen wesentlich dazu bei, dass in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zahlreiche Brutplätze aufgegeben wurden. Die seinerzeit mögliche Umwandlung wechselfeuchter Wiesen in Ackerland ließ die geeigneten Habitate weiter schwinden. Heute führen die vielen verschiedenen Freizeitaktivitäten mit den damit verbundenen Störungen zur Brutzeit oft zum Verlust der Nachkommen, auch die Zerschneidung der Landschaft durch Infrastrukturmaßnahmen trägt dazu bei.

Die Bekassine wurde stellvertretend für alle Wiesenbrüter, welche unter den Verlust ihrer Lebensräume leiden, als Vogel des Jahres 2013 gekürt.

Jörg Rainer Trompheller, Erfurt

dohle© Pia Kaiser - Pixelio.de

Die Dohle (Corvus monedula) – Vogel des Jahres 2012

Im März, wenn Regen- und Schneeschauer langsam nachlassen und die Tage freundlicher und länger werden, kreisen die Dohlen als kleinste der einheimischen Rabenvögel wieder um die Türme und hohen Gebäude der Städte und mancher Dörfer. In schnellen Flugmanövern attackieren sie ihre Artgenossen und auch Turmfalken (Falco tinnunculus), die oft gemeinsam mit ihnen an ein und demselben Gebäude brüten.

Dabei schlagen die gewandten Vögel in der Luft elegante Haken, um dann schwebend um die zukünftigen Brutnischen zu gleiten. Es gibt auch baumbrütende Dohlen, die ebenfalls gern in kleinen Kolonien leben. Sie benötigen als Nachnutzer die Höhlen vom Schwarzspechten (Dryocopus martius) oder andere größere „Baumöffnungen“ für ihre Brut. Mit Körperlängen bis 33 cm sind Dohlen deutlich kleiner als die anderen Rabenvögel.


Weiterhin fällt der verhältnismäßig kleine Kopf und der ebenso kleine Schnabel auf, so dass man Dohlen kaum mit Krähen verwechseln kann. Das Gefieder beider Geschlechter ist schwarz mit Ausnahme der grauen Ohrdecken und den genauso gefärbten Nacken. Die Unterseite zeigt eine dunkelgraue Färbung. Altvögel haben zudem eine auffallend helle Iris. Die Beine sind ebenfalls schwarz. Bei Jungvögeln fallen die später grau gefärbten Partien des Federkleids zunächst kaum auf, auch die Iris ist dunkler. Mit ständig zu hörenden „kjack, kjack“-Rufen machen die Vögel auf sich aufmerksam.

Für das Gebiet der Stadt Erfurt wurden Dohlen schon im 18. Jahrhundert als Brutvogel an den Kirchtürmen erwähnt. Dies bestätigte der bekannte Erfurter Ornithologe Max Timpel, der im Jahr 1912 das Brutverhalten der Dohlen an verschiedenen Erfurter Kirchtürmen untersuchte. Erst viel später - im Jahr 1986 - wird die Aufmerksamkeit erneut auf die Dohlen gelenkt. Die Erfurter Fachgruppe für Ornithologie und Vogelschutz geht von 20 bis 100 Brutpaaren in Erfurt aus. Die weitere Bestandsentwicklung war Gegenstand von Untersuchungen zwischen 1992 und 2010. Dabei wurde ein merklicher Rückgang festgestellt und die vermutlichen Ursachen dafür benannt: Besonders nach der politischen Wende erfolgte die Sanierung und Sicherung der alten Bausubstanz. Die Instandsetzung vieler defekter Dachkasten, Luken und Mauernischen führte zum Verschluß von Öffnungen und damit zur Wohnungsnot von Gebäudebrütern. Auch die Kirchtürme wurden verschlossen, um Verschmutzungen durch den Kot der Straßentauben (Columba livia f. domestica) zu begegnen. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Brutstätten anderer Gebäudebrüter wie Turmfalke und Schleiereule (Tyto alba), die somit ebenfalls verloren gingen. Besonders die letztgenannte Art wird daneben massiv vom Steinmarder (Martes foina) bedrängt, der auf seinen Jagdgängen viele Brutplätze der Schleiereule erreichen kann. In dieser Situation wurde die Erfurter Naturschutzbehörde aktiv, die Kontakte zu Kirchgemeinden und Pfarrämtern suchte. Durch deren Aufgeschlossenheit gegenüber den Nöten der Gebäudebrüter konnte die Situation bei einigen Arten deutlich verbessert werden, nicht zuletzt auch durch das Ausbringen arttypischer Nisthilfen oder das Wiedereröffnen von Brutnischen. Bei der Dohle führte dies jedoch nicht zu einer Erhöhung des mittlerweile stark abgesunkenen Brutbestandes. Der Rückgang von Grünflächen in der Innenstadt, die Versiegelung der Stadtrandlagen und auch die stark zunehmende Revierbildung der Rabenkrähe (Corvus corone) im Siedlungsbereich erschweren den Dohlen die Jungenaufzucht. So werden diese beim An- und Abflug von Rabenkrähen aus benachbarten Revieren ständig angegriffen, was die Fütterung des Nachwuchses beeinflussen kann. Konditionell belastend sind zudem die länger werdenden Flugstrecken, um an Insekten, Würmer, Schnecken usw. zu gelangen. Auf landwirtschaftlichen Nutzflächen mit Getreide, Mais oder Raps lässt sich nämlich nur bis zu einer bestimmten Vegetationshöhe die Nahrungsgrundlage sichern, wenn nicht sogar durch das Ausbringen von Pestiziden diese gänzlich zusammenbricht. So wirkt sich beispielsweise der Einsatz von Giftstoffen gegen Feldmäuse häufig auch auf die Arten aus, die lebende oder tote Mäuse aufnahmen, beispielsweise Rabenvögel, Störche oder Reiher. War die Suche eines Dohlenpaares nach einem Brutplatz erfolgreich, wird zunächst eine große Menge an Nistmaterial wie stärkere Reiser, Tierwolle oder auch Stofffetzen eingetragen. Zum Auspolstern werden Fasern und feine Reiser verwendet. Im Durchschnitt legen die Vögel 5-6 blaugrüne Eier - mit verwaschenen graubraunen Flecken vor allem in Richtung des stumpfen Pols - ins Nest. Nach einer Brutdauer von 17-18 Tagen schlüpft dann der Nachwuchs. Große Verluste gibt es während der Aufzuchtphase, die Jungvögel können in jeder Entwicklungsstufe sterben. Ursache ist der oft sehr schlechte Ernährungszustand, wobei die schwächeren durch die kräftigeren Jungvögel zusätzlich bedrängt werden. Sogar kurz vor dem Ausfliegen verhungern noch viele Jungen wie Untersuchungen zeigten. Für die dauerhafte Sicherung des Bestandes müssten pro Brutpaar jährlich durchschnittlich mindestens 2,5 Junge flügge werden. Dies gelingt in Erfurt kaum noch, mit weiteren Bestandsrückgängen ist daher zu rechnen. Seit Jahren brüten daher höchstens 10 Dohlen-Paare in Erfurt, vorwiegend im Norden der Stadt. Wichtig für den Bestand wäre daher neben der Bereitstellung von Brutmöglichkeiten auch die Verbesserung der Verfügbarkeit von Nahrungsflächen im Umfeld um die Brutplätze, beispielsweise durch den Erhalt von Grünlandstandorten.

Alljährlich im Oktober kann man den Zuzug von Saatkrähen (Corvus frugilegus) und Dohlen aus Nordost-Europa beobachten. Regelmäßig gehören zu diesen Zügen auch Vertreter einer anderen Dohlen-Unterart, nämlich die Halsbanddohle (Corvus monedula soemmerringii). Wie der Name schon verrät, tragen Tiere dieser Unterart einen zusätzlichen und meist deutlich ausgeprägten weißen Halsseitenfleck, Übergänge zu normal gefärbten Dohlen treten jedoch nicht selten auf. Im Winter weichen alle Dohlen den schneereichen Lagen aus und suchen überall - nicht nur in der Feldflur - nach Nahrung. Im März ziehen diese Rabenvögel wieder in ihre heimatlichen Gefilde. Als Kulturfolger hat sich die Dohle den Menschen und seinen Siedlungen angepasst. Für deren Bestandsrückgänge ist der Mensch damit auch direkt (und nicht indirekt wie in vielen anderen Fällen) verantwortlich. In vielen Bundesländern steht die Dohle schon seit langem in den Roten Listen der gefährdeten Tiere, in Thüringen in der Kategorie 3 als „Gefährdet“. Erhalten wir den Dohlen ihren Lebensraum, damit sie uns weiterhin mit ihren eleganten Flugkünsten erfreuen und damit letztlich auch für unsere Lebensqualität sorgen.

Jörg R. Trompheller, Erfurt
Foto: © H. Erimm

gartenrotschwanz© fotofreakdgy - Fotolia.com

Der Gartenrotschwanz – Vogel des Jahres 2011

Wenn die alten Streuobstwiesen um die Siedlungen einen guten Höhlenbestand aufweisen, dann kann man dort öfters den Gartenrotschwanz beobachten. Aber auch reich strukturierte Waldränder, Parkanlagen und Gärten werden von ihm besiedelt, wenn ausreichend Baumhöhlen oder Nistkästen vorhanden sind. Der Gartenrotschwanz bevorzugt Höhlen mit länglichen Löchern als Öffnung, weil so der Vogel stehend seine Umgebung im Auge behalten kann.

Diesbezüglich bemerkenswerte Aufzeichnungen tätigte schon der Erfurter Ornithologe Reinhold Fenk (1881–1953), dessen 130. Geburtstag sich am 15. Mai jährt. Im von ihm herausgegebene Buch „Meine Freunde aus der Vogelwelt“ erwähnte er den Vogel des Jahres 2011 und seinen nahen Verwandten, den schlichter gefärbten Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros), dieser eher ein Vogel der Ortschaften.


Mit 14 cm ist der Gartenrotschwanz etwas kleiner und zierlicher als der Haussperling (Passer domesticus). Seine Gefiederfärbung ist recht „exotisch“. Das Männchen hat eine weiße Stirn, das Gesicht und die Kehle sind schwarz. Die Oberseite zeigt eine schiefergraue Färbung, die zu den Flügeln hin bräunlicher wird. Die Unterseite ist orange gefärbt, am Bauch aber heller. Wie der Bürzel ist auch der Schwanz rostrot, welcher häufig zitternde Bewegungen ausführt. In der Mitte des Schwanzes sind aus der Nähe einige schwarze Federn zu sehen. Das Weibchen ist wie bei vielen Vogelarten schlichter gefärbt. Die Oberseite erscheint hellbraun mit einer noch helleren bräunlichen Brust sowie einen rostroten Schwanz. Die bereits flüggen Jungvögel sind zunächst noch gefleckt.

Im April kehrt der Vogel aus seinem Winterquartier zurück. Die Männchen erreichen eher das Brutgebiet als die Weibchen. Durch seinen Gesang, welcher neben hohen und tiefen Tönen auch kratzige Laute einschließt, sichert er sein Revier für die spätere Brut. Das Nest besteht aus Halmen, Blättchen und Wurzeln, innen ist es mit Tierhaaren und Federn ausgepolstert. Das Weibchen legt 5–7 blaugrüne Eier. Nach einer Brutdauer von 14 Tagen bleiben die Jungen noch 13–15 Tage in der Nisthöhle. Sobald die Jungen aus den Eiern geschlüpft sind, entfernen die Eltern deren Schalen, um durch deren helle Färbung nicht den Neststandort zu verraten. Auch die Kotbällchen müssen entsorgt werden, sonst würde die Nestunterlage schnell verschmutzen. Hierzu dreht sich der Jungvogel nach der Fütterung um, damit der Altvogel diese Verdauungsreste übernehmen kann. Die Kotbällchen sind von einem dünnen Hautbeutel umgeben. Bei kühlem Wetter ist das Wärmen (Hudern) für die nackten Jungvögel lebensnotwendig. Sie können ihre Körpertemperatur noch nicht ausreichend regulieren. Sollten Regenperioden lange andauern, dann füttert bald nur noch ein Altvogel. Dies kann zur Folge haben, dass wegen Unterernährung größere Verluste auftreten und nur die stärksten Jungvögel derartige Phasen überleben. Nach dem Ausfliegen führen die Altvögel die Jungen weitere 14 Tage und versorgen sie mit Nahrung. Generell kann die Aufgabe der Brut bei vielen Singvögeln während kühlerer Witterungslagen beobachtet werden, so auch bei Gartenrotschwanz, Blaumeise (Parus caeruleus) und Kohlmeise (Parus major). Die Elterntiere fliegen die Bruthöhlen oder Nistkästen nicht mehr an. Auch können Revierstreitigkeiten die Fortpflanzung verhindern. So konnte der Verfasser zur Brutzeit 1989 ein Paar Gartenrotschwänze im Norden Erfurts in einem Nistkasten an einer Hauswand neben einem Fenster über längere Zeit beobachten. Nach dem Schlüpfen der Jungen und etwa einem Drittel der Fütterungszeit versuchte ein Männchen des Haussperlings in die Niststätte einzudringen, was ihm nach 2 Tagen andauernder Versuche auch gelang. Der Haussperling entfernte später die Jungvögel des Gartenrotschwanz aus dem Kasten. Im Mai 2008 verhinderte am gleichen Ort wiederum ein Haussperlingspaar die Ansiedlung eines Gartenrotschwanzpaares in diesem Höhlenniststein, worauf beide Gartenrotschwänze den Bereich der angrenzenden Hofgärten verließen.

Durch die Bebauung der Ortsränder gehen heute viele alte und höhlenreiche Streuobstwiesen verloren, auch weil sich ihre Bewirtschaftung nicht mehr lohnt. Der Import von Früchten ist mittlerweile deutlich kostengünstiger als die Aufwendungen zum Erhalt und zur Pflege der alten Obstwiesen. Durch landwirtschaftliche Förderprogramme und solche des Naturschutzes kann diesbezüglich etwas gegengesteuert werden. Im Zuge des Wegfalls der traditionellen Bruthabitate werden die Gartenrotschwänze daher gezwungen, verstärkt in andere Lebensräume auszuweichen. Hierzu zählen vor allem Siedlungs- und Bauerngärten sowie Kleingartenanlagen mit vorhandenen Brutnischen und Brutkästen. Die auch dadurch insgesamt rückläufige Bestandstendenz dieses Langstrecken-Zugvogels wird verstärkt durch die Gefahren auf dem Zug selbst sowie in den Überwinterungsgebieten in der afrikanischen Sahelzone. Bis zu 20 % Verluste musste die Art dort in Trockenperioden schon hinnehmen, was Schweizer Ornithologen bei ihren Untersuchungen vor Ort feststellten. Gemäß der Einstufung auf der Roten Liste galt die Art bei deren erstmaliger Erstellung im Jahr 1993 als gefährdet in Folge des seit den 1970er Jahren zu beobachtenden rückläufigen Trends. In späteren Jahren hatte sich der Bestand auf niedrigem Niveau stabilisiert. Eine gemeinsame Erfassung der Erfurter Brutpaare durch die ortsansässigen Ornithologen im Jahr 1996 stellte H. Grimm vom Naturkundemuseum Erfurt zusammen. Das Ergebnis bestätigte, dass der Vogel seinen Namen zurecht trägt: Von 103 festgestellten Brutpaaren brüteten 58 in den Gartenanlagen des Stadtgebietes von Erfurt. Derzeit wird u.a. im Bereich des Erfurter Zooparks auf diesen Vogel besonders geachtet. Die verschiedenen, teils parkähnlichen Strukturen scheinen den Gartenrotschwanz entgegen zu kommen. Zur Brutzeit 2010 konnten 7 besetzte Reviere registriert werden.

Jörg Rainer Trompheller
Foto: Thomas Kraft

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Der Eisvogel (Alcedo atthis) – Vogel des Jahres 2009

Der zurück gekehrte Frühling regt wieder zu Spaziergängen in der Natur an. Viele Wanderwege führen entlang der Bäche und Flüsse. Hier gibt es genügend Gelegenheiten zur Beobachtung der artenreichen Flora und Fauna, zumal die Zugvögel aus ihren Winterquartieren zurück gekehrt sind, um ihre angestammten Brutplätze zu besetzen. In diesem Lebensraum kann man auch auf den Eisvogel mit seinen leuchtenden Farben am Bauch (orangerot) und der Oberseite (türkisblau) treffen, ein Relikt aus der teils tropischen Tertiärzeit Europas. Im Volksmund nennt man ihn daher den „Fliegenden Edelstein“. In Thüringen ist der Vogel rückläufig und deswegen auf der Roten Liste als gefährdet (Kat. 3) eingestuft. Die Europäische Vogelschutzrichtlinie führt ihn im Anhang I als prioritär zu schützende Art auf, ähnlich hoch ist der gesetzliche Schutz nach der Bundesartenschutzverordnung. Der Eisvogel wurde auf Grund seiner hohen Schutzbedürftigkeit erstmals bereits 1973 zum Vogel des Jahres gekürt.

Im Frühjahr graben die Eisvögel ihre Brutröhren in steinarme Erdwände, Prallhänge, sandige Uferböschungen, lehmige Abbruchkanten, Steilufer und Lößwände vor allem an langsam fließenden Gewässern. Auch günstige Stellen an Teichen und anderen Standgewässern werden gelegentlich angenommen. Selbst die Wurzelteller umgestürzter Bäume können Brutröhren beherbergen, trotz gelegentlich größerer Entfernung vom Wasser. Die Brutröhre selbst ist zwischen 40 cm und 100 cm lang. An deren Ende erweitert der Eisvogel diese für die 6 – 7 (manchmal auch 10) weißen Eier. Hier soll später für die Jungen genügend Platz beim Hudern und Füttern zur Verfügung stehen. Das Nistmaterial bzw. die Unterlage entwickelt sich erst während der Brutzeit. Sie besteht aus Gewöllen (unverdaute Nahrung), insbesondere Gräten und Schuppen der gebrachten Fische, denn der Vogel trägt selbst kein Nistmaterial ein. Die meisten Bruten finden zwischen Ende April und Juni statt. Die Brutzeit dauert 20 – 21 Tage, die Aufzuchtzeit nochmals 26 – 28 Tage.

Die erwachsenen Eisvögel sind Ansitzjäger. Da die Jungen vor und nach dem Ausfliegen viele Fischchen und Wasserinsekten als Nahrung benötigen, können die Altvögel in dieser Zeit beim oftmals ständigen Stoßtauchen beobachtet werden. Mit dem spitzen Schnabel wird die Beute unter der Wasseroberfläche gegriffen. Danach fliegen die Eisvögel auf und nutzen ihren Ansitz. Hier wird die Beute einige Male auf einen nahe liegenden Ast geschlagen und dadurch getötet. Liegt der Fisch mit dem Kopf in Richtung Schnabelgrund, verzehrt der Altvogel ihn selbst. Wenn dagegen die Beute mit dem Kopf zur Schnabelspitze zeigt, soll sie an die Jungen verfüttert werden. Auf diese Weise können die Fische naturgemäß besser in den Schlund des Jungvogels gleiten, ohne Probleme durch eventuell abstehende Schuppen. Die Jungen sind untereinander allerdings sehr unverträglich. Nach dem Ausfliegen werden sie von den Alttieren nur noch kurze Zeit weiter gefüttert und müssen schnell ihre Selbstständigkeit erreichen. Als Einzelgänger wandern sie dann bis zur nächsten Brutzeit umher. Dann besetzen sie neue oder freigewordene Reviere. Durch seinen Ruf, einen charakteristischen Pfiff ähnlich „tsiih“ oder „tjii“, der auch zweisilbig vorgetragen werden kann, weiß der Kundige sofort, dass sich ein Eisvogel im Revier befindet.

Trotz seiner auffälligen Färbung ist er allerdings oftmals schwer auszumachen, wenn er auf den Zweigen der Ufergehölze über der Wasserfläche nach seiner Beute Ausschau hält. Wenn er auffliegt, schießt er wie ein blauer Pfeil über die Wasseroberfläche dahin, dabei immer den Flusslauf folgend.

Einen bemerkenswerten Brutplatz fanden die Erfurter Ornithologen vor einiger Zeit in einem 2 x 2 Meter großem Erdloch 200 m vom Rand des Erfurter Steigers entfernt. In der weichen Muttererde unterhalb der Grasnarbe befand sich die Brutröhre. Bei der Fütterung der Jungen flogen die Elterntiere zielstrebig durch den Laubwald in Richtung Kresseklingen und zurück. Eine Zählung der Brutpaare des Erfurter Stadtgebietes im Jahr 2004 ergab, dass die alten Brutplätze am Geralauf (so auch am Flutgraben) aus den 1920er Jahren teils heute noch bestehen. 2004 konnten insgesamt 4 Brutpaare gezählt werden. Dieser Bestand ist kaum zu erhöhen, da geeignete Brutplätze nur in sehr begrenztem Umfang im Stadtgebiet von Erfurt zur Verfügung stehen. Alternativ wäre esmöglich, an vorhandenen, wegen Steinen oder zu starker Durchwurzelung für die Eisvögel nicht grabfähigen Steilwänden künstliche Brutröhren aus Leichtbeton anzubringen. Diese mit den zuständigen Naturschutzbehörden abzustimmenden Maßnahmen helfen den Eisvögeln, auch an anderen Stellen seßhaft zu werden. Da Eisvögel Erst- und Zweitbruten in verschiedenen Niströhren zeitigen, könnten auch mehrere künstliche Röhren mit einem Mindestabstand untereinander von 70 cm zum Einsatz kommen. Der Fachhandel stellt entsprechende Produkte bereit.

Auf der Wanderung zu anderen Gewässern fliegen Eisvögel ausnahmsweise auch „über Land“ und zeigen sich an Stellen, an denen nicht mit ihnen gerechnet wird. So „drehte“ ein Eisvogel 2008 eine Runde in den Hofgärten in Erfurt-Nord, setzte sich kurz auf einem Apfelbaum und flog rufend die Straße entlang. Leider verunglücken Eisvögel wie andere Vogelarten auch oft an verglasten Gebäuden wegen irreführender Spiegeleffekte. Mit Genickbruch oder ernsthaften Schädelverletzungen können sie dann unterhalb der Glasfronten gefunden werden.

Derartige „Fallen“ nehmen leider immer mehr zu, weil bei der Planung der Gebäude derartige Überlegungen keine Rolle spielen. Somit erhält das Naturkundemuseum Erfurt jährlich einige tote Eisvögel zur Präparation. Sie bleiben dadurch wenigstens für die wissenschaftliche Bearbeitung erhalten.

Leider gehen auch heute noch viele Brutplätze der Eisvögel durch unnötige Unterhaltungsmaßnahmen an den Fließgewässer verloren. Die Bebauung der Ufer wirkt sich ebenfalls negativ auf eine mögliche Ansiedlung aus. Deshalb ist weiterhin eine aktive Aufklärungsarbeit zum Schutze des Eisvogels notwendig.

Jörg Rainer Trompheller

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Der Singschwan (Cygnus cygnus) – ein Vogel des Nordens

Schwäne sind die imposantesten Vertreter der Familie der Entenvögel. Diese mächtigen Schwimmvögel übertreffen die Größe von Gänsen beträchtlich. Drei Arten brüten im europäischen Raum. Als Altvögel tragen sie alle ein weißes Federkleid und haben schwärzliche Beine. Der Höckerschwan (Cygnus olor) besitzt einen rötlichen Schnabel, während der Singschwan (Cygnus cygnus) und der etwas kleinere Zwergschwan (Cygnus columbianus) einen gelbschwarz gefärbten Schnabel zeigt.

Nur wenige Schwan-Nachweise sind aus früheren Zeiten aus Thüringen dokumemtiert. Erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden vermehrt Beobachtungen verzeichnet. Als mittlerweile regelmäßigen Brutvogel kennt jeder den Höckerschwan an unseren Gewässern.


Die beiden anderen Arten erreichen jedoch nur auf dem Zug - ab dem vierten Quartal - unser Bundesland. Ihre Zugstrecke kann je nach klimatischen Bedingungen bis nach Süddeutschland führen: In geringer Anzahl fliegen sie manchmal bis in das Alpenvorland. Im Winter halten sich große Scharen vor allem in der norddeutschen Tiefebene auf. In den letzten Jahren sieht man immer häufiger Schwäne in der Feldflur grasen. Schon von weitem leuchten sie wie große weiße Flecke auf den grünen Wintersaaten von Raps oder Wintergetreide. Dort verbleiben sie viele Stunden, nehmen Nahrung auf oder ruhen. Überwiegend handelt es sich dabei um Höckerschwäne. Ab Oktober sollte man genauer beobachten, da jetzt der Durch- und Zuzug von nordischen Schwänen, vor allem dem Singschwan, erfolgt. Zu den Schwänen gesellen sich zudem öfters auch Saatgänse (Anser fabalis) und Blässgänse (Anser albifrons) hinzu.

Die Nahrung des Singschwans wird überwiegend von Wasserpflanzen und deren Wurzeln bestimmt. Außerhalb des Wassers nimmt er weiterhin verschiedene Gräser, Getreidesprösslinge und krautige Pflanzen zu sich. So erweist sich der vermehrte Anbau von Raps als leicht zu erreichende Nahrung als günstig für die erfolgreiche Überwinterung dieser Vögel. In der Nähe befindliche Stauseen, Tagebauseen, Rückhaltebecken, Teiche, Kiesgruben, Klärbecken und größere Flüsse werden, soweit sie eisfrei sind, ebenfalls zur Nahrungssuche aufgesucht. Dieser nordische Schwan erreicht die Größe des einheimischen Höckerschwans und sein Gewicht schwankt zwischen 10 und 12 kg. Dem Schnabel fehlt der Höcker seines einheimischen Vetters und ist abweichend gefärbt: Ein kräftiges Gelb reicht keilförmig der Schnabelwurzel bis unter die Nasenlöcher und weiter spitz auslaufend zum schwarzen Schnabelende. Diese Schnabelzeichnung variiert allerdings etwas unter den erwachsenen Vögeln. Der Schnabel im Jugendkleid besitzt hingegen eine ganz andere Zeichnung. Im Wurzelbereich ist dieser hell, danach erscheint er fleischfarben mit dunkler Spitze. Das Gefieder der Jungvögel des Singschwans wirkt aschgrau. Bei jüngeren Höckerschwänen geht die Färbung hingegen mehr ins Graubraune. Mit zunehmendem Alter werden die aschgrauen Federn durch weiße ersetzt, sodass die Färbung den Altvögeln immer ähnlicher wird. Der lange Hals wird bei Singschwänen in aufrechter Haltung getragen. Der Höckerschwan hält diesen Körperteil mehr gebogen. Auf dem Land bewegt sich der nordische Schwan eleganter als der Höckerschwan. Beim Auffliegen braucht der Singschwan allerdings ebenfalls eine längere Strecke, bis er mit kräftigen Flügelschlägen und ohne Fluggeräusch von der Wasserfläche oder dem Rapsfeld abhebt. Bei dieser Gelegenheit hört man die trompetenartigen Rufe „huang, klong“, die ständig ertönen. Bekannt sind auch nasale gänseartige Laute. Ende März beginnt der Heimzug zu seinen Brutgebieten. Diese liegen im nördlichen Skandinavien, Russland und Island. Hier besiedelt er Gebirgsseen, Moorseen und Sümpfe, u.a. in der Tundra. Das Nest baut er meistens auf eine kleine Insel in Ufernähe. Es erfolgt eine Brut in den Monaten Mai oder Juni.

Im Stadtgebiet von Erfurt findet man Singschwäne im Winter in der Nähe der Kiesgruben. Diese rasten und äsen zusammen mit Höckerschwänen in der Feldflur, auf Getreide- oder Rapsfeldern. So konnten im Jahr 1994 zwei und im Jahr 1999 fünf Altvögel über einen Monat an der Kiesgrube „Sulzer See“ beobachtet werden. Im Januar 2004 stellten Erfurter Ornithologen zwei Altvögel zusammen mit vier Vögeln im Jugendkleid zwischen dem Klingesee und der Schwerborner Mülldeponie fest. Sie hielten sich hier mindestens 14 Tage auf. Am 15.02.2010 gelang vormittags ein Nachweis von drei erwachsenen Vögeln an der Kiesgrube „Großen Ringsee“. Erfreulich ist die Ausbreitung dieser Art nach Westen und Süden. Die nordosteuropäischen Populationen zeigen eine positive Bestandsentwicklung aufgrund des milden Klimas. Vermutlich ist dies die Ursache für seit 1990 zu beobachtende Bruten der Art im Osten Brandenburgs und Sachsens.

Jörg Rainer Trompheller, Erfurt

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Das Blässhuhn (Fulica atra)
eine an den Wasserlebensraum besonders gut angepasste Ralle

Sobald an neu entstandenen Wasserflächen Strauchwerk oder Röhricht Deckungsmöglichkeiten bieten, dauert die Besiedlung durch das Blässhuhn meist nicht lange. Wohngewässer können in Thüringen Kies- und Tongruben, Teiche, Parkgewässer, Speicher-, Klär- oder Rückhaltebecken sein. Nahrungsreiche Lebensräume mit flachen Ufern und struktierten Röhricht- und/oder Gebüschzonen werden bevorzugt angenommen. Das Gefieder beider Geschlechter erscheint rußschwarz, Kopf und Hals wirken besonders dunkel. Auffallend ist der weiße Schnabel und das gleichfarbige Stirnschild. Die Augen leuchten bei den Altvögeln kräftig rot. Dies ist allerdings nur aus der Nähe gut zu sehen. Die Farbe der Füße schwankt zwischen gelb und grau. Der ansonsten runde Körper wird nach dem Tauchen wie ein Korken nach oben gedrückt.


Im März suchen Blässhühner ihre Reviere auf, um im April mit der Brut zu beginnen. Bei der Besetzung der Reviere wird mit Konkurrenten nicht zimperlich umgegangen. Unter lauten Rufen wird versucht, flügelschlagend sowie diese segelartig haltend und mit nach vorn gestreckten Füßen den Gegner unter die Wasserfläche zu drücken bis dieser schließlich aufgibt. Auch zu nahe kommende Stockenten (Anas platyrhynchos) werden auf kleinen Wasserflächen auf ähnliche Weise vertrieben, wie man im Norden der Stadt Erfurt beobachten konnte. Das ebenfalls zu den Rallen gehörende Teichhuhn (Gallinula chloropus), welches mitunter an den gleichen Gewässern brütet, entgeht diesen Angriffen nur, indem dieses sich tagsüber ausschließlich im Schilfbereich aufhält.

Im Nest des Blässhuhns liegen vier bis neun Eier, welche hellgraubraun gefärbt und mit feinen rötlichbraunen und schwarzen Punkten besetzt sind. Die Unterlage besteht aus Halmen von Schilf und Rohr oder aus abgerissenen Teilen von Sumpfpflanzen sowie trockenen Pflanzenbestandteilen. Öfters werden lange Halme als Haube über das Nest gezogen. Es kann bis zu 20 cm über der Wasseroberfläche liegen. Nach einer Brutdauer von 21 – 23 Tagen schlüpfen die Jungen. Im Normalfall schreiten die Vögel jährlich nur einmal zur Brut. Beginnt das Paar jedoch sehr zeitig im Jahr mit der Fortpflanzung, kann es zu einer Zweitbrut kommen. Bei Verlust folgt oft ein Nachgelege, sodass selbst im Juni noch Junge zu beobachten sind. Ihr Dunenkleid erscheint überwiegend grauschwarz mit gelben Federn und roten Abzeichen am Kopf. Sobald die Dunenjungen nach dem Schlupf trocken sind, erkunden sie bereits ihre Umgebung und werden von den Eltern gefüttert, bewacht und verteidigt.Der Nachwuchs bleibt noch ein paar Tage im Nest, danach werden sie nur noch zum Übernachten von den Altvögeln ins Nest gelockt. Ein zusätzlich gebautes Hudernest gibt den Jungen Wärme und Sicherheit. Bei der Jagd versuchen Greifvögel mitunter, Blässhuhn-Küken von der Wasseroberfläche zu greifen. Dem stellen sich die Altvögel entgegen, wobei sie sich aus dem Wasser heben um größer zu erscheinen. Nach mehrmaligen Versuchen geben die Beutegreifer in der Regel auf, es sei denn, die Jungen befinden sich zu weit von der Altvögeln entfernt. Als Nestflüchter haben die Jungen mit 8 Wochen ihre Flugfähigkeit erreicht. Deren Gefieder weist nun eine dunkelgraue Färbung auf, wobei Kehle, Vorderhals und Bauch weißliche Federn zeigen. Der Schnabel ist ebenfalls grau. Im ersten Winter ähneln die Jungtiere schon sehr den Altvögeln, die Kehle bleibt zunächst noch weiß.

Das Blässhuhn ist ein häufiger und geselliger Wasservogel, der jedoch zu innerartlichen Auseinandersetzungen neigt. Die Nahrung besteht aus Wasserpflanzen, Weichtieren und Wasserinsekten. Diese wird durch Tauchen und Gründeln erreicht oder von der Oberfläche gepickt bzw. abgelesen. Daneben werden auch die Gewässer verlassen, um Gras zu rupfen ähnlich wie Gänse. Aus Sicherheitsgründen bleiben die Blässhühner immer in Ufernähe, damit bei Gefahr schnell die Wasserfläche erreicht werden kann. Zum Auffliegen benötigen sie eine Anlaufstrecke, um flügelschlagend und mit den Füßen über die Wasserfläche platschend schließlich an Höhe zu gewinnen. Beim Flug ist auch der weiße Armschwingenhinterrand sowie die langen Beine, welche den Körper überragen, zu erkennen. Die häufigsten Rufe der Vögel hören sich wie „köck“ oder „pix“ an.

Blässhühner sind jedem Angelfreund während der stundenlangen Ansitze schon mal begegnet. Die Vögel können trotz der vielen Freizeitaktivitäten der Menschen an vielen Gewässern erfolgreich brüten, die Störungen in unmittelbarer Nestnähe dürfen jedoch nicht zu groß werden. Ab Oktober steigt die Zahl der Blässhühner durch den Zug an. Es bilden sich große Trupps, die sich auf den eisfreien Gewässern über die Wintermonate zusammen mit anderen Wasservögeln aufhalten. Dort legen sie schnell ihre Scheu etwas ab und lernen bei der Fütterung, Brotreste aufzunehmen. Sehr wachsam und auch in dieser Situation eher am Rand schwimmend um die schützenden Wasserpflanzen schneller zu erreichen, verbringen sie so die lange Winterzeit. Sobald sich nicht als Fütterer betätigende Menschen oder Hunde den Ufern nähern, schwimmen jedoch alle Wasservögel in die Gewässermitte. Bei strengem Frost frieren die Standgewässer schließlich zu. Jetzt weichen nicht wenige Blässhühner auf die Flussläufe aus, viele ziehen auch nach Süden. Die Wasservogelzählungen von September bis April an den Kiesgruben nördlich von Erfurt ergaben immer eine beachtliche Anzahl Blässhühner je Wasserfläche.

Jörg Rainer Trompheller, Erfurt