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Video:
"Die Rettung der Quappen"

LAVT


Video: "Sind unsere Flüsse noch zu retten?"

LAVT

©2012 James G. Beaulieu
Bei dem Film handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt der Europäischen Angler Allianz (EAA), dem Verband der Europäischen Angelgerätehersteller (EFTTA) und dem Deutschen Angelfischerverband (DAFV).


Gewässerökologie

Erfahrungsaustausch mit der Arbeitsgemeinschaft Sinntal - Gewässerökologie

01. Oktober 2011

Unter dem Motto „Die Äsche - Fisch des Jahres 2011“ fand am 01. Oktober 2011 ein Erfahrungsaustausch mit Vertretern der ARGE Sinntal (Hessen) und Vetretern aus Mitgliedsvereinen des Thüringer Landesangelfischereiverbandes statt.

Ca. 25 Thüringer Angler reisten dazu nach Altengronau ins landschaftlich reizvolle Sinntal zwischen Rhön und Spessart. Empfangen wurden wir von den Herren Alfred Schmidt (Vorsitzender und Sprecher der ARGE), Rainer Hennings (Verband Hessischer Fischer) und Peter Paulini (Mitglied der Arge) im „Gasthof zur Krone“ in Altengronau.

Nach einer kurzen gegenseitigen Vorstellung eröffnete Herr Alfred Schmidt mit seinen Ausführungen zur mittlerweile fast zehnjährigen Arbeit der ARGE unseren Erfahrungsaustausch.

Als Hauptursachen wurden genannt:

  • Verschlechterung der Wasserqualität.
  • Sedimenteintrag in das Kieslückensystem.
  • Querverbauungen durch Kleinkraftwerke. Hierbei ist auffällig, dass die Hauptinstallationsmaßnahmen mit dem Beginn des Zerfalls der Äschenund anderer Kieslaicher-Populationen sehr zeitnah sind.
  • Wunschfischbesatzmaßnahmen mit Aalen und Regenbogenforellen, letztere besetzen den Äschenlebensraum.
  • Die Befischungsmethoden.
  • Der Fraßdruck Fischfressender Vögel. Wobei heimische Arten, wie der Eisvogel und der Graureiher, sich an der heimischen Fauna ohne nachhaltige Auswirkungen bedienen können, sie beeinträchtigen das Jäger-Beute Verhältnis nicht. Verheerende Schäden sind durch den Kormoran zu verzeichnen.

Probleme, wie wir sie auch aus unseren Thüringer Gewässern kennen.

In der hessischen Sinn und in der schmalen Sinn liegt die hegerische Verantwortung für insgesamt sechs Pachtstrecken bei der ARGE Sinntal Gewässerökologie. Der Äschenrückgang sowie der Zerfall der Barben- und Nasenpopulationen begründet sich hauptsächlich in den Querverbauungen (Wasserkraftnutzung) sowie einem übermäßigen Aalbestand und starken Kormoraneinflügen in den letzten Frostperioden mit bis zu 200 Vögeln. Es ist davon auszugehen, dass der ohnehin schon geschwächte Bestand in weiten Streckenabschnitten durch Kormoranfraßdruck weitestgehend vernichtet worden ist. Das Flusssystem Sinn verfügt über ausgezeichnete Laichhabitate, hohen Natürlichkeitsgrad, ein ausgezeichnetes Nährtieraufkommen, sehr gute Wasserqualität und eine biologische Gewässergüte von durchschnittlich 1,50. Es ist ein sommerkaltes Gewässer mit durchweg hartem Untergrund, die Höchsttemperatur im Fünf-Jahres-Mittel beträgt 15,5°C. Die Bewirtschaftung erlaubt nur das Fischen mit der künstlichen Fliege, ohne Widerhaken und mit geringen Entnahmen. Äschen, Barben und Nasen sind seit fünf Jahren ganzjährig geschützt. Die Zahl der Fischereierlaubnisscheine ist begrenzt, ein großer Streckenteil darf nur vier Monate im Jahr befischt werden. Trotz der eigentlich bezüglich des Gewässers existierenden idealen Voraussetzungen einschließlich des Baus einer Fischwanderhilfe am Kleinwasserkraftwerk Altengronau und umfangreicher Besatzmaßnahmen konnte eine nachhaltige Stabilisierung der Hauptfischarten nicht erreicht werden. Neben dem Äschenprojekt wurde parallel ein Artenhilfsprogramm zur Wiederansiedlung von Nase, Barbe, Gründling und Elritze auf den Weg gebracht. Doch auch hier steht man mittlerweile fast wieder am Ausgangspunkt.

Durch eine sehr effiziente Lobby- und Pressearbeit ist es der ARGE gelungen, den Blick der Politik und Behörden für die Probleme an der Sinn zu schärfen. Mit für Hessen eher un-üblichen Genehmigungen sind selbst im Naturschutzgebiet Kormoranvergrämungsabschüsse möglich geworden. Mittlerweile wurde zur weiteren Unterstützung dieser Bemühungen ein Arbeitskreis aus Vertretern der Fischerei- und Naturschutzbehörden, von Ornithologen und Mitgliedern der ARGE gebildet.

Gemeinsam mit dem Fischzüchter Herrn Lothar Keidel aus Ehrenberg (Rhön) ist es in mehrjähriger angestrengter Arbeit gelungen, autochthone Sinn-Äschen stabil in seiner Fischzucht zu vermehren und bis zu jeder gewünschten Größe aufzuziehen. Doch selbst der Besatz mit 7.000 – 9.000 Äschensetzlingen pro Jahr über mehre Jahre hinweg konnte die nahezu vollständige Vernichtung des Äschenbestandes durch Kormorane in der Sinn nicht aufhalten!

Ergänzt wurden die Ausführungen von Herrn Schmidt durch einen Vortrag von Herrn Rainer Hennings sowie einigen „Bonus-Informationen“ zur rasanten Ausbreitung invasiver amerikanischer Krebsarten und ihren nachteiligen Folgen für den einheimischen Edelkrebs in Hessen.

Im Anschluss hatten wir die Gelegenheit noch ein paar kurze Blicke in die Sinn in Altengronau zu werfen. Vor Augen geführt wurden uns die nachteiligen Auswirkungen der Kleinwasserkraftanlage auf das Gewässer, welche selbst die vor wenigen Jahren errichtete Fischwanderhilfe nur zum Teil kompensieren kann. Immerhin wurden einige kleine Äschen gesichtet aber auch ein nichtheimischer Signalkrebs in seiner ganzen Pracht. Nach den Vorträgen und am Gewässer gab es Gelegenheit zum Erfahrungs- und Meinungsaustausch in kleineren Gesprächsrunden. Nach einem reichlichen Mittagessen verabschiedeten und bedankten wir uns bei unseren neu gewonnenen hessischen Freunden und Kollegen mit dem gegenseitigen Wunsch, diesen Kontakt weiter zu pflegen.

Fortgesetzt wurde unsere Exkursion nach knapp einstündiger Fahrt durch eine herbstbunte Landschaft im strahlenden Sonnenschein im Forellenhof Keidel in Ehrenberg (Rhön) am Fuße der Wasserkuppe, dem höchsten Berg der Rhön.

Auf seinem Forellenhof stand Herr Keidel schon zur Begrüßung bereit. Von ihm erfuhren wir, dass sein kleiner Familienbetrieb 40 Teiche (besser Teichlein) mit einer Gesamtfläche von einem (!) ha am Nordosthang der Wasserkuppe bewirtschaftet. Immerhin bringt er es auf dieser geringen Fläche mit spärlichem Wasserdargebot auf eine eindrucksvolle Jahresproduktion von ca. 35 t Fisch. Über die Direktvermarktung seines Markenprodukts der „Rhöner Bachforelle“, vor allem in der Gastronomie des Biosphärenreservats, gelingt ihm auch eine bemerkenswerte Wertschöpfung. Darüber hinaus beliefert er mit Forellen und Äschen (Brut und Setzlinge) Anglervereine und -verbände u.a. in Thüringen, Sachsen, Brandenburg ja selbst bis Hamburg. Die Qualität und Exklusivität seiner Fische haben dazu geführt, dass zahlreiche potenzielle Kunden mitunter jahrelang in einer Warteschleife stehen müssen. „Klein aber fein“- und zahllose Stunden engagierter Arbeit der ganzen Familie sind das Rezept seines Erfolgs.

Nach dieser kurzen Einführung ging’s dann zum eigentlichen Kleinod seines Betriebes, der Brut- und Aufzuchthalle sowie den Laichfischteichen seiner Sinn- Äschen. Erst seit wenigen Jahren steht diese moderne Halle, ausgerüstet mit Rundbecken, wo wir dann auch die ersten Äschen zu sehen bekamen. Sowohl in einigen Teichen vor der Halle und in den Rundbecken tummelten sich Tausende äußerst vitaler Jungäschen im 8 °C kühlen Quellwasser. Hier erklärte uns Herr Keidel den Zyklus von der Laichfischhaltung über die Erbrütung, das Anfüttern und die weitere Aufzucht seiner Äschen. Vor dem heute gesicherten Erfolg lagen drei angestrengte Jahre des Studierens und Experimentierens, denn Äschen verlangen ganz einfach wesentlich mehr Fingerspitzengefühl als Forellen oder Saiblinge. Das punktgenaue Erkennen der Laichreife vor dem Abstreichen oder das Herausfinden eines geeigneten Starterfutters für die Brut sind nur zwei der vielen Hürden, die zu nehmen waren. Insgesamt erfordern Äschen aufgrund ihrer hohen Empfindlichkeit ein weitaus behutsameres Handling als viele der bekannten Wirtschaftsfischarten. Mit seinem etablierten Laichfischbestand hat Herr Keidel ein hohes Maß an Sicherheit für eine stabile, von Kormoran- und Witterungseinflüssen weitestgehend unabhängige Äschenreproduktion geschaffen. Laichfischbestand und Reproduktions-technologie stehen bereit, um sofort bestandsstützend dort und dann einzugreifen, wo Kormorane kein ernsthaftes Problem sind. An der Sinn muss die Sinnhaftigkeit eines weiteren umfangreichen Äschenbesatzes bei anhaltender Kormoranprädation leider infrage gestellt werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Dieser Tag hat sich für alle Beteiligten in jeder Hinsicht gelohnt. Es gab eine Menge zu sehen und zu lernen, wir haben neue Partner und Freunde in unserem Nachbarland Hessen gefunden, bei denen wir uns an dieser Stelle nochmals herzlich für die Zeit und Mühe bedanken möchten, die sie für uns aufgewandt haben. Mit zu diesem positiven Gesamteindruck beigetragen hat nicht zuletzt ein strahlender Indian-Summer-Tag in der Rhön. Petri sei Dank

Bilder: © Andreas Kirsch

Gewässerrandstreifen prägen und schützen unsere Fließgewässer

2011

Deutschland besitzt ein Netz von mehr als 1 Million Kilometern kleiner Fließgewässer. Es sind Gräben, Bäche und kleine Flüsse, welche für Umwelt- und Lebensqualität stehen. Sie sind die Kinderstube unserer Fische, prägen die Landschaft und das Ortsbild. Sie vernetzen Lebensräume, sind Schlüssel für Artenreichtum und bieten Freizeit und Erholung vor unserer Haustüre.

Degradierte Lebensadern

Insgesamt sieht es aber nicht gut aus mit unseren Flüssen, Bächen und Wiesengräben. Durch Ausbau, Begradigung, Verrohrung, Ausleitung, Querverbauung, Ausräumung und vielfältigen anthropogenen Belastungen sind sie ihrer landschaftstypischen Wesensmerkmale und ihrer Funktion als Lebensadern der Landschaft beraubt. Sie sind vielfach degradiert zu Wasserabzugsrinnen. Eine natürliche Dynamik, das Entstehen und Vergehen von Lebensräumen, ist praktisch nicht mehr vorhanden. Ansätze von Dynamik, etwa in Form von Uferanrissen nach einem Hochwasser, werden als Schaden angesehen und durch massive Verbauungen sofort wieder beseitigt. Neben der Stabilisierung der Ufer fand auch häufig eine Pflasterung der Ufersohle statt. Derartige Verbauungen führten zu einer Erhöhung des Gefälles, beschleunigtem Abfluss und verstärktem Geschiebetransport.

Die Quervernetzung zwischen Hauptund Nebengewässer (laterale Vernetzung) wurde vornehmlich durch Hochwasserschutzdeiche, Rückhaltedämme und Absenkung des Grundwasserspiegels eingeschränkt. Weiterhin verfüllte man häufig die Nebengewässer und Altarme, die Auewälder wurden gerodet und trockengelegt. Durch diesen Flächengewinn konnte vermehrt Landwirtschaft betrieben werden, neue Siedlungen und Industriegebiete entstanden.

Dadurch sind viele natürliche Funktionen der Gewässer verloren gegangen. Die immer deutlicher vorgetragenen, besorgten Äußerungen des VDSF und dessen Landesfischereiverbände, ebenso auch von anderen Naturfreunden und Ökologen, bewirkten, dass die Notwendigkeit eines umfassenden Schutzes unserer Gewässer bei Politikern und Behörden sowie in der Wissenschaft allmählich Gehör gefunden haben.

Gewässer brauchen Schutz, Pflege und Raum

Zaghaft beginnt nun im Wasserbau, in der Flurbereinigung, im Küstenschutz und in all den anderen Eingriffsdisziplinen ein Umdenkungsprozess: Naturschutzfreundlichere Passagen in Gesetzen, Verordnungen, Erlassen und Verfügungen ermöglichen oder verlangen jetzt ein stärker an ökologischen Gegebenheiten orientiertes Planen und Handeln. Der Wandel im Umgang mit Gewässern setzte sich allerdings nur ganz allmählich durch, erfährt jedoch durch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) in den letzten Jahren einen merklichen Auftrieb. Das zentrale Ziel der WRRL besteht im Erreichen des guten Zustandes aller Gewässer innerhalb der Europäischen Union. Bei Fließgewässern werden der gute chemische und der gute ökologische Zustand angestrebt. Der Begriff des guten Zustands definiert sich im Wesentlichen über biologische, strukturelle, physikalische und chemische Merkmale und bedeutet, dass das Gewässer nur wenig vom natürlichen Zustand abweicht und alle EU-Normen zur Wasserqualität erfüllt. Dieser ganzheitliche Ansatz zur Gewässerqualität berücksichtigt damit neben der Qualität und Menge des Wassers insbesondere die Gewässerstruktur, unter welcher man alle räumlichen und materiellen Differenzierungen des Gewässerbettes und seines Umfeldes versteht, so auch die Gewässerrandstreifen. Um diese Ziele zu erreichen, verpflichtet die Richtlinie alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union, ihre natürlichen Gewässer zu erhalten, zu pflegen und ihnen Raum für ihre natürliche Entwicklung zu geben. Belastete Gewässer-Gebiete sind zu sanieren und alle Maßnahmen sollen bis zum Jahre 2015 abgeschlossen sein. Trotz den inzwischen angelaufenen, umfangreichen Bemühungen der Länder, Kommunen und anderer Unterhaltspflichtiger zur Revitalisierung unserer Fließgewässer ist der Handlungsbedarf jedoch nach wie vor groß. Insbesondere besteht bei den Lebensraumverbesserungen noch ein erhebliches Verbesserungspotenzial.

Kein Platz für die Natur

Im Zuge der Flurneugestaltung wurden ab Anfang der 1950er Jahre Maßnahmen der Flur- und Hydromelioration durchgeführt mit dem Ziel, die Landwirtschaft umfassend zu intensivieren. Ein bislang naturverbundenes Leben und Schaffen wurde abgelöst durch technisches, rationales Denken und Handeln. Die Unterwerfung der Natur durch den Menschen griff Platz, verstanden als Unterwerfung unter die Rationalität. Ziel war die Steigerung des Nutzens, der Produktivität. So wurden Ried und Moor zu Acker und Wiese, das Grasland zum Grünland, der Wald zum Forst, die Hecke, der Riegel und Rain zum Hindernis. Bach und Fluss wurden gezähmt, begradigt und durch Dämme eingeschnürt, um Land zu gewinnen und um vor den Launen der Natur sicher zu sein.

Schließlich musste auch der Bauer in den Strudel dieser gesellschaftlichen Entwicklung einbezogen werden. Er wurde erzogen zum rational, auf wissenschaftlicher Basis wirtschaftenden Landwirt und durch Intensivierung der Landnutzung dazu gebracht, auch den letzten Quadratmeter seiner Feldflur nutzen zu müssen, indem er Bäume, Sträucher, Terrassen, Gewässerbiotope und Uferrandstreifen beseitigte, Auewälder rodete und trockenlegte, und ahnte dabei nicht, dass er damit Hand anlegte an die Wurzeln einer bislang gesunden Kulturlandschaft.

Erst angesichts der zunehmenden Monotonie unserer agrartechnischen Kulturlandschaften, oft als „Kultursteppen“ glossiert, wird jetzt vielen bewusst, welche gravierenden Lebensraumzerstörungen in der Vergangenheit verursacht wurden. An einem begradigten und ausgebauten Fließgewässer, wo Auwälder und Uferrandstreifen fehlen, herrscht eben Monotonie. Und hier gibt es kaum Lebensräume für Fische, andere Tiere und Pflanzen.

Ein Fließgewässerökosystem ist erst dann funktionsfähig, wenn es den in ihm natürlicherweise vorkommenden Arten in allen Lebensphasen eine ausreichende Lebensgrundlage bietet. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn im Gewässersystem alle zum (Über-)Leben notwendigen Funktionsräume in einer dem natürlichen Zustand entsprechenden Häufigkeit und Ausprägung vorkommen und großräumig miteinander vernetzt sind. So versteht sich dieser Beitrag als ein Appell an ein neues Grundverständnis für den Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen. Konkret heißt dies, dass alles getan werden muss, damit möglichst alle Fließgewässer und Auen wieder eine naturnahe Struktur erhalten. Hierbei bedarf es der Unterstützung aller Beteiligten.

Was bewirken die Gewässerrandstreifen?

Gewässerrandstreifen? Wissenschaft, Verwaltung und Politik haben mittlerweile die große Bedeutung von Gewässerrandstreifen für die naturnahe Entwicklung von Gewässern erkannt. Gewässerrandstreifen sind gewässerbegleitende Landflächen zum Schutz und zur Entwicklung der Gewässer. Vor allem innerhalb der intensiv genutzten Kulturlandschaften kommt den Gewässerrandstreifen eine zentrale Bedeutung für die Aufrechterhaltung und Verbesserung der ökologischen Funktionen der Gewässer zu.

Die Wiedereinrichtung beziehungsweise die Entwicklung und Pflege bestehender Gewässerrandstreifen gehören daher zu den Hauptschwerpunkten eines aktiven Gewässerschutzes, weil das Ökosystem Gewässer durch die ufernahen Bereiche maßgeblich geprägt wird. Deshalb müssen Gewässerrandstreifen in Abstimmung mit Nutzungs- und Eigentumsrechten künftig als Voraussetzung für die naturnahe Entwicklung der Gewässer gesichert und vor allem auch durchgesetzt werden und zwar mit folgenden Zielen:

  • um eine naturnahe Eigenentwicklung des Gewässers als Bestandteil des Naturhaushaltes und Lebensraumes von Tieren und Pflanzen zu ermöglichen,
  • die Gewässerökologie im aquatischen und amphibischen Bereich zu verbessern,
  • das Gewässerumfeld aufzuwerten, insbesondere durch naturnahe Gehölzsäume,
  • Wiesen, Röhricht- und Hochstaudenfluren zu fördern,
  • die Gewässer vor dem Eintrag von wassergefährdenden Stoffen (zum Beispiel Pflanzenschutz- und Düngemittel) wie auch von erodierten Bestandteilen (zum Beispiel Bodenmaterial) zu schützen.

Dadurch erreicht man positive Effekte:

  • auf Uferschutz- und Biotopfunktion,
  • auf den Biotopverbund als Vernetzung der Lebensräume von Tieren und Pflanzen zwischen Wasserkörper, Wasserwechselzone und Auenbereichen für die Entwicklung typischer Lebensgemeinschaften,
  • auf den Erholungswert einer Landschaft, die Landschaftsvielfalt und das Landschaftsbild.

Und man gewinnt schließlich:

  • eine Verbesserung des Kleinklimas,
  • kann den Aufwand für die Gewässerunterhaltung deutlich reduzieren,
  • einen Beitrag zum Integrierten Pflanzenschutz leisten,
  • und ermöglicht einen dezentralen Hochwasserschutz.

Die Umsetzung der vorstehenden Ziele lässt noch viele Wünsche offen. Die Praxis der Nutzung von Ufergrundstücken zeigt, dass der vom Gesetzgeber in einer ganzen Reihe von Rechtsvorschriften bereits verankerte Schutz von Gewässer und Ufer, einschließlich der auf diese Lebensräume angewiesenen Tiere und Pflanzen, bisher noch nicht hinreichend durchsetzbar ist.

Weshalb Gewässerrandstreifen für den Naturschutz besonders wertvoll sind

In der modernen Kulturlandschaft stoßen verschiedenartige Ökosysteme mit harten Grenzen aneinander: Gebäude, Verkehrsflächen und Einfriedungen werden zunehmend direkt am Gewässer errichtet, teilweise werden die Gewässer durch Uferbefestigungen eingeengt. Entlang von Sportstätten, Kleingärten und Kleintierzuchtanlagen werden Gewässer immer noch durch Auffüllungen, Ablagerungen, unerlaubte Wasserentnahmen und Einleitungen sowie durch die Beseitigung der Ufergehölze beeinträchtigt. Außerhalb des Siedlungsbereichs werden auch ufernahe Flächen oft intensiv landwirtschaftlich genutzt. Insbesondere an naturfern begradigten und ausgebauten Gewässern reicht derzeit die ackerbauliche Nutzung oft bis an die Böschungsoberkante. Auch intensive Grünland- und Weidenutzung ist immer wieder mit Stoffeintrag und einer Beeinträchtigung des Gehölzsaumes verbunden. Ebenso behindert die Entwässerung noch vorhandener Feuchtflächen eine naturnahe Entwicklung. Entsprechend abrupt gestaltet sich auch der Wandel der jeweils typischen, sehr verschiedenartigen Biozönosen (Lebensgemeinschaften). Von Natur aus hingegen geht ein Wechsel von einem zum anderen Ökosystemtyp kontinuierlich vor sich, einem sich langsam ändernden Standortgradienten entsprechend. Damit erfolgt in diesen Saumbiotopen eine Abpufferung der unterschiedlichen Wirkungen und Faktoren. Eine solche Übergangszone bezeichnet man als Ökoton, einen Grenzbereich, der sich im Vergleich mit den angrenzenden „reinen“ Ökosystemen als Folge der gegenseitigen Überschneidung durch ein vielfach höheres Angebot an Lebenserfordernissen wie Nahrung, Deckung und Mikroklima auszeichnet. Dieser so genannte Rand- oder Grenzlinieneffekt äußert sich durch einen in aller Regel deutlich größeren Artenreichtum und eine erhöhte Artendichte, der sich aus Bewohnern der beiden aneinanderstoßenden Ökosysteme sowie aus den spezialisierten Saumarten rekrutiert.

Für den Naturschutz besitzen deshalb Ökotone aufgrund ihrer hohen Artenzahl und der besonderen Zusammensetzung ihrer Biozönose mit den spezialisierten Saumarten einen hohen Wert. Fließgewässer eignen sich auf Grund ihrer linienhaften Struktur und des Netzcharakters in besonderem Maße zur Verbindung einzelner Teillebensräume. Naturnahe Fließgewässer mit Gehölzsaum bieten viele Standorttypen auf engstem Raum und sind damit als verknüpfendes Element in einem Biotopverbundsystem besonders geeignet und entsprechend wertvoll. Daher muss ein wichtiges Ziel des Biotopverbunds sein, die noch erhaltenen Gewässerrandstreifen in das Konzept einzubinden und vor allem in großem Umfang Raum für die Renaturierung solcher Lebensraumbänder zu schaffen. Entsprechende Gewässerrandstreifen müssen sich generell überall dort entwickeln können, wo vor allem intensive Nutzungen an die Uferzonen von Fließgewässern stoßen. Darüber hinaus muss in Zeiten landwirtschaftlicher Überschüsse durchaus nicht mehr jede Fläche der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden. Vielfach lassen sich solche Ökotone (hier: Gewässerrandstreifen) besser für Zwecke des Naturschutzes einsetzen und können damit den Verlust wertvoller Biotope aus früheren Epochen in bescheidenem Umfang ausgleichen helfen.

Aktuelle Probleme der Fischerei

Vielfach reicht die landwirtschaftliche Nutzung der Ufergrundstücke an Bächen und Flüssen bis an die Oberkante der Uferböschung. Die ufernahen, intensiv genutzten Flächen liefern dann einen überproportionalen Eintrag von schädlichen Stoffen, insbesondere von Düngemitteln, Pflanzenschutzmitteln und feinen Bodenbestandteilen (Sediment) in die Gewässer. Dadurch werden wertvolle Lebensräume der Flora und vor allem der Aquafauna zum Teil erheblich beeinträchtigt. Und hier gehört der hoch subventionierte und damit intensivierte Maisanbau in Hanglage zu den größeren aktuellen Problemen der Fischerei. Der Maisanbau ist eine Bewirtschaftungsmethode, die noch im Mai und Juni zu einer starken Erosion und zum Eintrag von Bodenmaterial in die Fließgewässer führen kann. Die Gründe hierfür sind:

  • eine späte Saat,
  • ein langsames Jugendwachstum,
  • ein weiter Reihenabstand,
  • eine erst spät schützende Bodenbedeckung (Schwarzbrache).

Bei Starkregenereignissen fällt ein Großteil des Niederschlages auf eine wenig geschützte Ackeroberfläche. Die abgeschwemmten Bodenpartikel fungieren als Trägersubstanz für anhaftende Nährstoffe (insbesondere Phosphat) und Pflanzenschutzmitteln (Pestizide). Durchschnittlich werden auf Maisäckern 100 bis 150 kg Nitrat pro Hektar und Jahr ausgewaschen, in Extremfällen bis zu 300kg. Dies ist einerseits durch die sehr hohen Stickstoffdüngergaben für Maiskulturen begründet, weil die Fruchtart Mais einen besonders hohen Stickstoffbedarf benötigt. Andererseits führt die gute Wasserlöslichkeit und geringe Bodenabsorption des Nitrat-Salzes generell zu Auswaschungen ins Oberflächen-, Grund- und Trinkwasser.

Nährstoffe, und hier besonders Nitrat und Phosphat, bewirken im Gewässer eine Erhöhung der Produktion von Algen und höheren Wasserpflanzen (Eutrophierung). Neben den Veränderungen der Lebensgemeinschaften, wie dem Verschwinden vieler auf nährstoffarme Gewässer angewiesenen Arten, führen erhöhte Nährstoffeinträge vor allem in langsam fließendenGewässern zu enormen Güteproblemen. Es bilden sich häufig breitflächige, dicke gelbgrüne Algendecken. Die absterbenden Algenwatten können im Sommer die Luft regelrecht verpesten und machen ein Stillgewässer letztendlich zu einer übel riechenden Kloake.

Der Pestizideintrag bewirkt oftmals akute oder chronisch toxische Effekte wie das Absterben der Gewässerfauna und -flora. In intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten wurden in Fließgewässern beträchtliche Konzentrationen an Pflanzenschutzmitteln festgestellt. So können auf geneigten Ackerflächen und Weinbergen durch Bodenerosion teilweise mehr als 100 Tonnen pro Hektar und Jahr, vorwiegend Feinbodenmaterial mit angelagerten Nährstoffen und Pestiziden, in die benachbarten Gewässer oberflächig abfließen. Auch aus geneigten Grünlandflächen gelangen nach vorheriger Ausbringung organischer Dünger (zum Beispiel Gülle) und bei entsprechenden Klimabedingungen beträchtliche Mengen an Nährstoffen mit dem Oberflächenabfluss in die Gewässer. Bei Ackernutzung in überschwemmungsgefährdeten Gebieten (Auebereichen) gelangen oft sehr große Mengen an Bodenmaterial mit anhaftenden Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln in die Gewässer. Abträge von über 10 Zentimeter bei einem Hochwasserereignis, entsprechend etwa 1500 Tonnen Bodenmaterial pro Hektar, sind keine Seltenheit.

Die Bodenerosion stellt gebietsweise das größte Problem im intensiven Ackerbau dar, da sie durch den Verlust von Feinbodenmaterial zu einer dauerhaften Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit führt. Allein deshalb schon sollte es im Interesse jedes Landwirts sein, entlang von Gewässern alle möglichen präventiven Vorkehrungen einmal zum Schutz seiner eigenen Ackerflächen zu treffen und ebenso für das Gewässer. Und die Anlage von Uferrandstreifen ist dabei eine der wirksamsten Maßnahmen überhaupt!

Die Forelle – ein Schlüsselorganismus für lebendige Gewässer

Eine individuenstarke, aus mehreren Jahrgängen aufgebaute Forellenpopulation zeigt einen ökologisch guten Gewässerzustand an. Zahlreiche Bedingungen müssen erfüllt sein, um diesen Fischen zufriedenstellende Lebensbedingungen zu bieten. Da Forellen stark vom guten Gewässerzustand abhängig sind, werden sie zur Beschreibung von Gewässerqualitätszielen häufig als Indikator genutzt.

In vielen deutschen Fließgewässern und mittlerweile auch in Mitteleuropa ist die Anzahl der dort lebenden Forellen weitaus geringer als dies von Natur aus möglich wäre. Ein wesentlicher Grund für die schwachen Forellenbestände ist das Fehlen geeigneter Kieslaichplätze aufgrund der Veränderung der Sohlenstruktur durch die vorstehend beschriebenen Feststoffeinträge (Bodenmaterial). Kiesstrecken sind für die Forelle wichtig, weil sie für eine erfolgreiche Eiablage kies- und geröllreiche Rauschen (flache Furten) im Bach benötigt. Denn nur hier strömt genügend Sauerstoff zu den Eiern. Versanden die Rauschen, so sterben die Eier ab.

In vielen Bachoberläufen sind großflächig kiesige pleistozäne Schmelzwassersande auf Sohlniveau verbreitet, sodass genügend kiesige Anteile zur Ausbildung einer gut strukturierten Sohle bereitstehen. Doch die massiven Feststoffeinträge verändern die Sohlenstruktur signifikant, weil das Bodenmaterial das Interstitial (Gewässergrund– Lückensystem) der Kiesbänke zusedimentiert. Die Mächtigkeit der Sedimente kann selbst in kleineren Fließgewässern mehrere Dezimeter betragen. Und das hat eine verheerende Auswirkung auf die Bachlebensgemeinschaft. Ähnlich wie der durchwurzelte Bodenraum für terrestrische Pflanzen, der bestimmte strukturelle Voraussetzungen für das Gedeihen der Pflanzen erfüllen muss, ist auch das Interstitial als Lebensraumkompartiment für Fische essenziell. Hier müssen die Forellen nicht nur ihre Eier ablegen, sondern die Laichbetten müssen auch geeignet sein, den geschlüpften Fischlarven während der ersten Lebensmonate als Aufenthaltsort zu dienen. Durch die immer intensiver betriebene Agrarwirtschaft werden gerade die als „Kinderstube“ notwendigen Bachoberläufe in ihrer Struktur massiv beeinträchtigt. Dies führt nicht nur zu gelegentlich letalen Effekten bei Fischeiern, Larven und Jungfischen, sondern vielfach zu einem Totalausfall der Brut und damit zu einer existenziellen Bedrohung der bereits vorbelasteten und ausgedünnten Fischbestände. Am Beispiel der Forelle kann man die Bedeutung einer ökologisch angepassten Landnutzung und eines erosionsschützenden Gewässerrandstreifens gut verdeutlichen. So wird es für jedermann einsichtig, weshalb nur noch wenige Fließgewässer einen natürlichen Forellenbestand aufweisen. Ebenso soll an diesem Beispiel gezeigt werden, wie leicht Verbesserungen schon durch Anwenden bekannter Handlungsweisen erreicht werden könnten: Verbot von Maisäckern in Hanglagen und im Einzugsgebiet von Gewässern. Doch vor einem solchen Ansinnen schrecken unsere Politiker leider zurück.

Machen wir uns weiterhin an diesem Beispiel auch klar, wie vernetzt alle Gewässer miteinander sind. Im Grunde ist alles Wasser miteinander global vernetzt. Alle Belastungen, die wir unseren Bächen und Flüssen antun, sind letztlich global wirksam. Der Umgang mit den fließenden Gewässern, die nur scheinbar alles von uns wegtragen, dokumentiert in ganz besonderer Weise, ob wir in der Lage sind, in großen Zusammenhängen zu denken und zu handeln. Dass wir davon ein ganzes Stück entfernt sind, zeigt uns das Beispiel der Forelle als Schlüsselorganismus für ein lebendiges Gewässer.

Ufergehölze bereichern unsere Auen und Gewässer

Bäche und Flüsse prägen wesentlich das Bild der Landschaft. Besonders gewässerbegleitende Gehölze lassen schon von weitem den Verlauf eines Gewässers in der Landschaft hervortreten oder oft erst erkennbar werden. Vor der Veränderung der Landschaft durch den Menschen erstreckten sich an nahezu allen Fließgewässern Wälder mit Erlen, Weiden, Eschen, Eichen, Ulmen u. a. bis an die Ufer der Gewässer. Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Bachbiozönose weitgehend an diese Verhältnisse angepasst ist.

So üben Ufergehölze auf vielseitige Art und Weise Einfluss auf Fließgewässer aus. Speziell an kleineren und mittelgroßen Gewässern werden häufig große Bereiche der Wasseroberfläche beschattet. Die Strauch- und Baumkronen vermindern die Einstrahlung und reduzieren dadurch tageszeitliche Schwankungen der Wassertemperatur. So kann die Temperatur um bis zu 10 °C niedriger liegen als in einem unbeschatteten Tieflandbach vergleichbarer Größe. Durch die niedrige Wassertemperatur und dem reduzierten Lichteinfall wird das Wachstum von Algen und Makrophyten verlangsamt und die Sauerstoffkonzentration im Wasser bleibt höher, was auch das Wohlbefinden der bachtypischen Organismen begünstigt, die ja gerade auf sommerkühle Gewässer angewiesen sind. Die Baumwurzeln, besonders von Schwarzerlen, Baumweiden und Eschen, tragen wesentlich zur Stabilisierung des Ufers bei, indem sie seitliche Erosionsprozesse weitgehend unterbinden. Da sie dem Wasser und Boden Nährstoffe entziehen, wirken die Baum- und Strauchwurzeln zugleich auch als Nährstoffpuffer. Zugleich bietet das freigespülte Wurzelwerk wichtige Kleinstrukturen. Fische nutzen die unterspülten Wurzelbereiche als Verstecke und Laichplätze, Flusskrebse und andere Wirbellose (Makrozoobenthos) als Einstand. Forellen erfreuen sich am „Insektenregen“, der von den Bäumen und Sträuchern ins Wasser fällt. Ufergehölze tragen organische Substanz wie Falllaub und Äste in das Gewässer ein, wobei das Totholz für aquatische Lebensgemeinschaften von besonderer Bedeutung ist. Mit der Herausbildung eines Ufergehölzstreifens wird auch der Aufwand für die Gewässerunterhaltung wesentlich reduziert. Damit werden viele Eingriffe in die Lebensgemeinschaften des Gewässers überflüssig. Den Idealfall eines Gewässerrandstreifens bilden Ufergehölzstreifen mit einer vorgelagerten Hochstaudenflur, kombiniert mit extensiv bewirtschafteten Wiesen. Ein solcher Uferbereich bedeutet eine wesentliche Bereicherung für Flora und Fauna und bildet einen wichtigen Bestandteil für die Biotopvernetzung.

Ausblick

Gewässerrandstreifen sind für den Schutz und die naturnahe Entwicklung der Gewässer vordringlich, jedoch allein nicht immer ausreichend. In vielen Fällen sind auch Umgestaltungsmaßnahmen in Gewässer und Aue erforderlich, um verlorengegangene Strukturen, wie zum Beispiel Altarme, Grabennetze und Tümpel, neu zu schaffen. Unverzichtbar ist aber auch eine flächendeckende Durchsetzung einer ökologisch orientierten Landbewirtschaftung, die Bodenmuster und Standorteigenschaften berücksichtigt. Diese muss beinhalten, dass Erosion und Schadstoffaustrag über Oberflächenabfluss und Grundwasserabfluss begrenzt werden. Ansonsten können die Gewässerrandstreifen die Schädigung der Gewässer nur vermindern. Das Ziel muss stets sein, eine Schädigung der Gewässer als Lebensadern unserer Landschaft nachhaltig zu verhindern.

Kleine Standgewässer und ihre ökologische Bedeutung

2011

Kleingewässer sind wichtige Strukturen in unserer mitteleuropäischen Landschaft. Sie haben eine hohe ökologische Bedeutung für zahlreiche ans Wasser gebundene Tier– und Pflanzenarten und bereichern das Landschaftsbild. In den vergangenen Jahrhunderten und bis heute erfolgt aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus allerdings vielfach immer noch die Trockenlegung und das Verschütten zahlreicher dieser kleinen Sölle, Weiher und Tümpel.

Auch die Grundwasserabsenkung im Zusammenhang mit Baumaßnahmen oder Bergbau spielt eine große Rolle. Im Zuge der Überdüngung der Landschaft gelangen zu viele Nährstoffe in diese Kleingewässer. All dies hat Auswirkungen auf die jeweils in den Gewässern anzutreffende Fauna und Flora. Auch spielen die Periodizität der Wasserführung, die Ufervegetation und die Landnutzung in der Umgebung hierfür eine wichtige Rolle.

Die meisten sehr flachen Gewässer erwärmen sich schnell und bieten unter den Tieren insbesondere bestimmtem Mollusken-, Insekten- und Amphibienarten Lebensmöglichkeiten.

Viele dieser Kleingewässer sind nährstoffreich. Die wenigen nährstoffarmen haben eine besonders hohe Bedeutung für den Naturschutz, da nur hier konkurrenzschwache Pflanzenarten gedeihen können. Die verschiedenen Mikrostrukturen dieser Kleingewässer wie Verlandungsbereich, Schwimmplattzonen, wenig bewachsene Schlamm– oder Kiesbänke, werden von ganz speziellen Lebensgemeinschaften besiedelt.

So können an Kleingewässern ganz verschiedene Groß- und Kleinlibellen beobachtet werden, die besonders empfindlich auf Verschlechterung ihrer Lebensgrundlagen reagieren.

Entgegen nicht ausrottbarer Vorurteile können Libellen im Übrigen nicht stechen, sie ernähren sich von Mücken, Fliegen und anderen Insekten, die im Fluge gefangen werden. Somit tragen sie zum ökologischen Gleichgewicht bei. Die häufig über Gewässern besonders intensiv fliegenden Insekten locken natürlich auch Fledermäuse an, die dieses gute Nahrungsangebot zu nutzen wissen. Auch die Vogelwelt benötigt die kleinen Wasserflächen als Nahrungs- und Rastplätze, selbst Bruten kommen vor.

In gewässerarmen Gebieten kann es sinnvoll sein, durch die Anlage von Kleingewässern wasserabhängigen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum zu bieten. Wichtig sind jedoch die richtige Wahl des Standortes sowie notwendige Absprachen mit Behörden und Eigentümern.

Mit entsprechender Geduld kann spätestens nach einigen Jahren mit der Ansiedlung speziell angepasster Organismen der Erfolg dieser Maßnahme beobachtet werden. Als Projekt für Kinder und Jugendliche würde dies das Verständnis für die biologischen Abläufe in und am Wasser steigern. Ein Beispiel dafür ist auch der am 13. Juni 2008 in Erfurt mit Schülern des Albert-Schweizer-Gymnasiums durchgeführte „Tag der Artenvielfalt“. Die erfolgreiche Organisation dieser von der Zeitschrift GEO initiierten Aktion übernahm der TLAV (siehe Ausgabe 2/2008).

Da Kleingewässer auch besonders wichtige Lebensräume für Amphibien sind, führen der fortschreitende Straßenbau und die Versiegelung der Landschaft zu erheblichen Problemen im Zusammenhang mit deren Laichwanderungen. Der Neubau einer Straße zerschneidet unter Umständen die traditionellen Wanderrouten, welche ehemals durch Gärten oder Ackerland führten. Die Amphibienwanderungen beginnen im März oder Anfang April, wenn die Nachttemperaturen nicht mehr unter 5 o C absinken. So kommt es vor, dass in einer einzigen Nacht Tausende Kröten auf einer neu angelegten Straße zu Tode kommen. Eine weitere Wanderungswelle betrifft die das Gewässer nach der Metamorphose verlassenen Jungkröten.

Diese findet in Thüringen meist zwischen Ende Juni und Mitte Juli statt. Die Jungkröten messen nur 1 cm und sind daher außer durch den Straßenverkehr vielfältigen anderen Gefahren, z.B. durch Beutegreifer, ausgesetzt. Um wenigstens die Verluste auf den Straßen gering zu halten, sind technische Lösungen unverzichtbar.

So können beispielsweise ortsfeste Amphibienschutzanlagen installiert werden, die jedoch sehr teuer sind. Nicht so kostspielig sind Schutzzäune mit Fangeimern. Hier sind jedoch das jährliche Aufstellen und Abbauen sowie die Betreuung aufwendig. Als Leitbahnen werden meist Plastikfolien verwendet.

Zur Hauptwanderzeit sind täglich bis zu drei Kontrollen notwendig, um die Fangeimer zu leeren. Leider werden die Hinweisschilder zu Amphibienschutzanlagen, meist mit zeitweisen Geschwindigkeitsbegrenzungen gekoppelt, von vielen Fahrzeugführern ignoriert.

Neben dem Straßenverkehr besteht für die Amphibienlaichgewässer gerade im Erfurter Umfeld ein weiteres Problem. Trotz Pressekampagnen und ohnehin generellen Verbots werden Fische, so insbesondere auch Goldfische, in Kleingewässern illegal eingesetzt.

Diese fressen neben Amphibienlaich auch die jungen Kaulquappen vieler Lurcharten und schädigen die Lebensgemeinschaften dieser Biotope nachhaltig.

Jörg Rainer Trompheller, Erfurt

Bäche und Flüsse brauchen Totholz

2010

Der Lebensraum Totholz ist eine Welt der Wunder, welcher von der Wissenschaft erst in Ansätzen erforscht wurde. Totholz ist keineswegs „tot“. Schon sein bloßes Vorhandensein wirkt sich positiv auf die Umgebung aus. Totholz fördert dynamische Prozesse. Es beeinflusst und prägt die Morphologie eines Fließgewässers im Kleinen wie im Großen, variiert Strömung und Wassertiefe, bietet Unterschlupf. Dadurch ist Totholz ein wesentliches Strukturelement in unseren Bächen und Flüssen. Hier sollte es deshalb, wo immer möglich, wieder einen festen Platz einnehmen. Denn Totholz bedeutet Leben.

Was ist Totholz?

Was der Biber seit Menschengedenken macht, kann nichts Schlechtes sein. Er fällt Bäume ins Wasser, baut Burgen, legt Dämme an und gestaltet damit Gewässerlandschaften neu. Dies kommt unter anderem den Fischen zugute. Also ein Zeichen dafür, dass Bäche und Flüsse Totholz brauchen. Es gehört sozusagen zur unverzichtbaren Grundausstattung eines Fließgewässers, weil es die Strukturvielfalt erhöht.

So ist Totholz nicht nur ein charakteristisches Merkmal natürlicher Wälder, sondern auch ein gewichtiger gewässerökologischer Faktor, der das Erscheinungsbild natürlicher Fließgewässer maßgeblich bestimmt. Durch die Veränderung der Morphologie, des Abflussverhaltens, des Stoffhaushaltes und der Besiedlung hat Totholz Einfluss auf alle wichtigen Systembausteine des Ökosystems Fließgewässer. Zum Totholz zählen abgestorbene, verholzte Pflanzenteile, sämtliches loses Holz, vom feinsten Reisig, über Wurzelstöcke bis hin zum ganzen Baumstamm. Ebenso gehören zum Totholz auch umgestürzte, aber fest verwurzelte Bäume, sog. Sturzbäume, oder abgetriebene und woanders neu austreibende Bäume und Gehölzteile, die – rein biologisch gesehen – noch leben. Totholz wird in der Regel im Fließgewässer mittransportiert und wieder abgelagert.

Totholz ist Leben pur!

Wer sich mit diesem Thema auseinandersetzt, wird irgendwann feststellen, wie paradox der Begriff „Totholz“ im Grunde ist, und das gleich in zweifacher Hinsicht. Denn auch „lebendes“ Holz besteht zu einem Großteil aus bereits abgestorbenen, also toten Zellen. Nach dem Absterben des Holzes beginnt eine Besiedlung mit Tausenden von verschiedenen Arten, die sich bei bestimmten Holzarten über Jahrzehnte hinziehen können. So betrachtet ist lebendes Holz deutlich ärmer an Leben als Totholz! Mehr als 1.400 Käferarten und ihre Larven besiedeln nur jede denkbare ökologische Nische im Totholz. Die Pilze mit etwa 1.500 Arten stellen den Löwenanteil. Über 500 Fliegen- und Mückenarten und zahlreiche andere Vertreter der Insekten tummeln sich ebenfalls dort. Neben den terrestrischen Tierarten ist Totholz ebenso Lebensraum für limnische Ökosysteme. Für die wirbellosen Kleinlebewesen des Gewässerbodens, den so genannten Makroinvertebraten, dient diesen Totholz als Zuflucht, Nahrungsquelle sowie als Ort zur Eiablage und Verpuppung. Vor allem in Fließgewässern mit feinkörnigem Substrat, wie Sand, Lehm, Ton oder Löß, ist Totholz eine unentbehrliche Lebensnische für die Wirbellosenfauna. Viele dieser Tiere sind auf das Vorhandensein von Totholz angewiesen. Über 40 Arten sind eng daran gebunden, weitere 80 Arten nutzen es mehr oder weniger.

Mit zunehmendem Abbau des Totholzes siedeln sich Algen und Mikroben an. Dieser Aufwuchs dient Organismen, die ihre Nahrung aufsammeln oder auf der Oberfläche abweiden. Pilze siedeln sich an und weichen das Totholz auf, sodass Wirbellose, die das Totholz zerkleinern, einzelne Holzpartikel aufnehmen können.

Totholzbesiedler sind zum Teil hoch spezialisiert. Einige Arten bohren Löcher in das Holz, andere höhlen es aus und sorgen so zusammen mit den Zerkleinerern für den Abbau im Gewässer.

Wohin man auch blickt, überall stößt man auf eine schier grenzenlose Artenfülle. Totholz ist damit Leben pur, Leben in überschäumender Fülle. Seine fundamentale ökologische Bedeutung ist lange verkannt worden. So ist Totholz noch eine Welt voller Wunder, die von der Wissenschaft erst in Ansätzen erforscht wurde. Heute besinnt man sich darauf und erkennt, dass Totholz zum Leitbild eines intakten Flusses ebenso gehört wie die angrenzende Aue.

Die Bedeutung von Totholz für die Gewässerstruktur

Viele Fließgewässer in Mitteleuropa wurden durch anthropogene Einflüsse schwerwiegend verändert. Auewälder entlang von Bächen und Flüssen wurden weitgehend entfernt und die so entstandenen Flächen teils zu landwirtschaftlicher Nutzfläche, teils zu Baugebiet umfunktioniert. Die Gewässer selber erfuhren Begradigungen, Kanalisierungen und Einleitungen verschiedenster Art. Und die Folge ist: Das natürliche Erscheinungsbild unserer Bäche und Flüsse ist heute kaum mehr rekonstruierbar.

Eines dieser zentralen Charakteristika für ein natürliches Fließgewässer ist eben das Totholz. Unter ökologischen Gesichtspunkten kommt dem Totholz eine Schlüsselstellung zu, denn es wirkt in zweierlei Hinsicht: biologisch und mechanisch.

  • Biologisch, weil Totholz das Angebot an Lebensnischen für Tiere und Pflanzen signifikant erhöht und dadurch ein enormes Artenreichtum bewirkt.
  • Mechanisch, weil Totholz die Hydromorphologie eines Fließgewässers prägt und die Strukturvielfalt erhöht.

Diese beiden Faktoren tragen wesentlich zur ökologischen Aufwertung unserer Bäche und Flüsse bei.

Totholz verändert auf kleinstem Raum die Strömungs- und Sedimentationsverhältnisse und fördert so die eigendynamische Entwicklung des Fließgewässers. Besonders in kleinen Fließgewässern mit hohem Gefälle können Einzelstämme und Ansammlungen von Zweigen (Geniste) die Strukturvielfalt im Fließgewässer entscheidend erhöhen. Sie wirken wie kleine Staudämme und führen zu einer Verminderung des Gefälles auf kurzer Strecke und begünstigen so die Ausbildung von Sohlstufen- und Sohlschwellen mit anschließendem Wasserspiegelsprung.

Als Resultat stellt sich ein kleinräumiger Wechsel von langsam zu schnell strömenden Fließverhältnissen ein. Festsitzendes Totholz, wie beispielsweise umgestürzte Uferbäume, bewirkt nicht nur den Aufstau, sondern auch die Ablenkung der fließenden Welle vorbei an dem Strömungshindernis. Je nach Lage können die Stämme so eine Laufverlagerung des Gewässers bewirken, was zu einer seitlichen Verschiebung des Stromstriches führt und das Mäandrieren des Gewässers unterstützt. Im Strömungsschatten solcher Gebilde lagert sich wiederum mitgeführtes Material ab. Es entwickeln sich Schlamm- , Sand- und Kiesbänke, die neue Lebensräume darstellen. Unterhalb solcher Bereiche bilden sich aber auch Abschnitte mit höherer Strömungsgeschwindigkeit, was zur Entstehung von Kolken, Steilufern und Abbruchkanten führen kann. Dadurch nehmen Vielfalt und die ökologischen Nischen im Bach und Fluss zu. Eine verstärkte Tiefenerosion wird vermieden und vor allem kleinere Hochwasser werden durch immer wieder auftretende Totholzbarrieren abgepuffert.

Fische brauchen Totholz als Laichplatz, Schutz- und Lebensraum

Die Bedeutung des Totholzes beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Beeinflussung der Struktur des Fließgewässers. Vielmehr hat die Veränderung der morphologischen Faktoren durch Totholz auch Auswirkungen auf die Biozönosen im und am Gewässer.

So bieten die langsam fließenden Bereiche im Strömungsschatten größerer Totholzstrukturen Lebensraum für verschiedene Vertreter der Wasserkäfer (Hydrophilidae) und für spezielle Wirbellose, darunter insbesondere Larven der Eintagsfliege (Ephemeroptera) und der Köcherfliege (Trichoptera). Diese sind unter anderem Nahrungsgrundlage für Jungfische.

Allgemein bevorzugen Fische die strömungsberuhigten Zonen von Totholzstrukturen als Einstand, sowohl bei normalem Abfluss wie bei Hochwasser. Insbesondere kleinere Totholz-Ansammlungen, sog. „Geniste“, bieten geschützte Laichplätze und für Fischbrut und Jungfischen eine optimale Rückzugs- und Unterstellmöglichkeit, da sie hier Schutz vor ihren Fressfeinden finden und die Gefahr, von der Strömung verfrachtet zu werden, geringer ist. Verschiedene Totholz-Projekte haben diesen Zusammenhang eindeutig nachgewiesen.

Ausblick

Durch die wasserbaulichen Tätigkeiten der letzten hundert Jahre ist die Anwesenheit von Totholz zur Ausnahme geworden. Unsere meist ausgebauten und aufgeräumten Fließgewässer dienen vornehmlich dem geregelten Abfluss der „freien Vorflut“. Durch Artensterben und Hochwasserkatastrophen lassen sich die strukturellen Defizite der Gewässersysteme am deutlichsten erkennen. Die Erhaltung bzw. Wiederherstellung natürlicher oder naturnaher Bäche und Flüsse bietet eine Möglichkeit, diesen gemachten Fehlern entgegenzuwirken. Hier kommt dem natürlichen Eintrag oder dem Einbau von Totholz eine besondere Bedeutung zu. So lässt sich durch den gezielten Einbau von Totholz eine Revitalisierung unserer Gewässer mit geringem technischen und finanziellen Aufwand erzielen. Es liegt nun an uns, die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen, das heißt, „Renaturierung ja, aber mit Totholz!“ Bekanntlich ist es ein vorrangiges Anliegen der Fischereiverbände, die Biodiversität in den aquatischen Lebensräumen zu erhalten, zu pflegen und zu vermehren, weil dies die Grundlage für eine auf Nachhaltigkeit gerichtete fischereiliche Nutzung der Gewässer bildet.

Hinweis auf weiterführende Literatur

Allen, die für Fließgewässer verantwortlich sind, die Fließgewässer nutzen oder bewirtschaften sowie diejenigen, die sich für ökologische Verbesserungen einsetzen oder sich intensiver mit diesem wichtigen Thema auseinandersetzen wollen, möchte ich die folgende Broschüre wärmstens empfehlen: „Totholz bringt Leben in Flüsse und Bäche“. Herausgeber sind das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU), zusammen mit dem Landesfischereiverband (LFV) Bayern e.V. Die Autoren sind Michael von Siemens und Dr. Sebastian Hanfland vom LFV Bayern e.V., sowie Walter Binder, Manfred Herrmann und Werner Rehklau vom LfU Bayern. Die Broschüre umfasst 56 Seiten. Auf den ersten 19 Seiten wird auf die Bedeutung von Totholz in Fließgewässern in einer sehr verständlichen Form eingegangen, ebenso auf Gewässerunterhaltung und rechtliche Vorgaben. Die restlichen Seiten bringen praktische Beispiele für den richtigen Umgang mit Totholz, damit Totholz wieder Leben in Bäche und Flüsse bringen kann.

Die Broschüre kann kostenlos bezogen werden beim:

Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU),
Bürgermeister-Ulrich-Straße 160
86179 Augsburg
Tel. (0821) 9071-0
oder über E-Mail bestellen: poststelle@lfu.bayern.de

Von Dr. Erich Koch, Altshausen